Europa und USA streiten um Kennzeichnung von Gente..
dpa 09.01.98 03:00
Copyright dpa, 1998
Europa und USA streiten um Kennzeichnung von
Gentech-Lebensmitteln Von Gerald Mackenthun, dpa
Berlin (dpa) - Lebensmittel aus gentechnisch veränderten
Pflanzen schmecken den europäischen Verbrauchern nicht recht.
Viele Firmen fürchten wegen des schlechten Images der neuen
Biotechnologie einen Umsatzrückgang.
Vertrauen - und Kaufkraft - der Konsumenten sollen durch eine
weitreichende Kennzeichnungspflicht der EU für Produkte aus
Gentech- Nutzpflanzen zurückgewonnen werden. Doch gegen zu
rigide Regeln, die zudem von der EU noch nicht erlassen wurden,
wenden sich die Amerikaner, die dabei die neuartigen Pflanzen und
daraus gewonnene Produkte in großem Umfang auf den Markt bringen
wollen.
Vor allem um den Absatz in Europa sind sie besorgt, wohin sie
1996 Sojabohnen für über drei Milliarden Mark lieferten. Viele
US-Verbände halten eine Kennzeichnung für diskriminierend und
haben gedroht, vor der Welthandelsorganisation WTO gegen die
EU-Richtlinie zu klagen.
Nach der Novel Food-Verordnung der EU, die Mitte Mai vergangenen
Jahres in Kraft trat, muß ein Lebensmittel gekennzeichnet
werden, wenn mit einer "angemessenen wissenschaftlichen
Analyse ein Unterschied zum herkömmlichen Lebensmittel
feststellbar ist".
Das wirft Probleme auf. Geht um genetischen Unterschied oder
Abweichung in Aussehen und Geschmack? Noch weiß keiner, wie die
Kennzeichnungspflicht umgesetzt werden soll, die Ausführungsbestimmungen
lassen auf sich warten.
Voraussetzung ist der Nachweis gentechnischer Veränderungen im
Lebensmittel. Das genaueste Verfahren heißt
Polymerasekettenreaktion, abgekürzt PCR, und ist so empfindlich,
daß unter 10 000 Bohnen eine einzige Gentech-Bohne ausfindig
gemacht werden kann.
Bei Transport und Verarbeitung gelangen aber stets Restmengen aus
früheren Lieferungen oder Produktionen in die neuen Rohstoffe
oder Produkte. Lebensmittelchemiker schlugen vor, bei einer
unbeabsichtigten "Beimischung" unterhalb von drei
Prozent auf eine Deklaration zu verzichten.
"Eine 100prozentige Trennung ist einfach nicht möglich",
sagt David M. Stark, Vizepräsident des US-Chemiekonzerns
Monsanto in St. Louis. "Der Wind verweht Bohnen bei der
Verladung und die Laderäume lassen sich nicht bis zum letzten Krümel
reinigen."
Eine strikte Trennung der Produktionswege würde die Sojabohnen
zwei- bis dreimal verteuern, schätzt er. Dennoch sagt etwa der
Farmer Dennis Wentworth aus dem US-Bundesstaat Illinois:
"Wenn ich mehr Geld dafür bekomme, trenne ich die
Bohnen." Er meint, konventionelle Soja werde dadurch 20
Prozent teurer.
Ob Butter, Schokolade, Fertiggerichte: In Zehntausenden Produkten
ist Sojaöl aus gentechnisch veränderten Sojapflanzen enthalten.
Auf vielen von ihnen müßte nun stehen: "Mit Hilfe moderner
Biotechnologie hergestellt." Sojalecithin in Eiscreme wird
vermutlich nicht unter diese Pflicht fallen, weil das veränderte
Gen nicht mehr auftaucht, auch nicht rohe Sojabohnen, die ungenießbar
und somit kein Lebensmittel nach EU-Recht sind.
Aber ist Käse von einer Kuh, die in ihrem Futter eine
Beimischung von 15 Prozent Gentech-Soja erhielt, gentechnikfrei?
"Wir warten die EU-Ausführungsbestimmungen ab", sagt
Tim Galvin vom US- Landwirtschaftsministerium. dpa aj