Züricher Tagesanzeiger 28.01.98

Jetzt wird die Gentechnik grün

 

Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind unbeliebt. "Das muß sich ändern", sagen die europäischen Nahrungsmittel-Multis. Jetzt gehen sie in die Offensive. Von Mathias Ninck

Der Markt für gentechnisch veränderte Lebensmittel ist appetitlich: 94Milliarden Dollar könnten im Jahr 2005 in Europa umgesetzt werden,schätzt EuropaBio, der Dachverband der großen Nahrungsmittelhersteller wie AgrEvo, Unilever, Novartis, Nestlé oder Monsanto. Könnten - vorerst ist der Konjunktiv angebracht. Denn das große Geschäft läßt sich nur machen, falls die Konsumenten den Gen-Food auch kaufen. Und das ist zurzeit höchst ungewiß: Diversen Umfragen zufolge lehnen in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich siebzig bis achtzig Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten Gentechnik im Essen ab.

"Sehr knifflig"

Guter Rat darf in diesem schwierigen Falle etwas kosten, sagte sich der Industrieverband vor eineinhalb Jahren, und so setzte man sich mit Beratern zusammen von Burson-Marsteller, dem weltweit größten PR-Unternehmen. Diese kennen den Umgang mit gesellschaftlich heißen Themen; zu ihren Kunden zählte einst der rumänische Diktator Ceausescu und Union Carbide, eine Firma, bei der sich in Bhopal ein Großunfall ereignete mit 3000 Toten. Und nun, nachdem sie geprüft hatten, ob die kritischen Europäer für Gen-Food zu erwärmen seien, kamen sie in einem Bericht an Monsanto zu einem klaren Urteil: "Sehr knifflig."

Die Aufgabe ist so knifflig, daß sich die großen Unternehmen der Nahrungsmittelbranche und der Agrochemie, die sich sonst als Konkurrenten auf dem globalen Markt streiten, jetzt zusammengeschlossen haben zu einem "Aktionskreis Grüne Gentechnik". Anfang Januar haben sich die Vertreter der Firmen in Hamburg erstmals getroffen, wie der "Economist" berichtet, und die Offensive gestartet.

Ja, es gehe darum, die negative Haltung der Konsumenten zu beeinflussen, sagt Andreas Seiter, der für Novartis im Aktionskreis mitmacht. Sein Kollege von Unilever, Rüdiger Ziegler, meint: "Wir haben es versäumt, die Gentechnik transparenter zu machen und die Märchen, die da erzählt werden, aufzuklären." In einem internen Arbeitspapier heißt es, man wolle "durch vielfältige Informationen die Möglichkeiten der Gentechnik verständlich machen" und "Diskussionsblockaden auflösen". Im Gegensatz zum Verband EuropaBio, der vor allem auf politischer Ebene für den Gen-Food lobbyiert, richtet sich die neue Industriegruppe, die sich monatlich treffen wird, "direkt an den Verbraucher". Es sei ihr gutes Recht aufzuzeigen, daß die neuen Produkte billiger seien und umweltfreundlicher als die herkömmlichen, sagt Andreas Seiter von Novartis. "Natürlich steht dahinter der Wille der Produzenten, das, was hergestellt wird, zu vermarkten."

Also kämpft der Aktionskreis gegen die "heutzutage weitverbreitete Idealisierung des Natürlichen", die einer "nüchternen Darstellung" entgegensteht. Seiter: "Es geht nicht darum, Akzeptanz zu schaffen für Gen-Food - es geht nur darum, daß es endlich toleriert wird." Denn es sei gar nicht mehr möglich, Gentechnik aus der Nahrung herauszuhalten; die Sojabohne zum Beispiel, die gebe es schon bald nur noch in gentechnisch veränderter Form. Die Kampagne werde "einige Millionen kosten", sagt Seiter, "jedenfalls wesentlich mehr als die Firmen gewöhnlich für Kommunikation aufwenden."

Manning, Selvage & Lee, eine auf "Themenkommunikation" und die "Anwendung der Gentechnik" spezialisierte PR-Agentur in Frankfurt, leitet und moderiert den Zweckverband.

"Immer wieder informieren"

Renate Riedel, die Koordinatorin, erklärt die Einfachheit der Aufgabe: "Wir suchen den Dialog mit dem Verbraucher." Gen-Food habe für den Verbraucher keinen direkt erfahrbaren Nutzen, deshalb müsse in aufwendiger Kleinarbeit der indirekte vermittelt werden. Und das heißt: "Immer wieder informieren." Klar, sagt sie, brauche es auch den Willen der Konsumenten. "Man kann dem Verbraucher nichts von außen zuweisen, wenn er es sich nicht ansehen will."


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