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27.03.98

Politik

"Die Hungerkrise wird sich eher noch verschärfen"

Wer nicht patentiert, verliert

Die Bonner Biologin Christine von Weizsäcker kämpft gegen das globale Genopoly

Von Olaf Kaltenborn

Bonn, 26. März – "Der Kaiser ist ja nackt!" ruft das Kind im Märchen "Des Kaisers neue Kleider". In gewisser Weise hat die Biologin Christine von Weizsäcker, die die internationale Biotechnikszene sehr gut kennt, im globalen Genopoly die Rolle des Kindes. Die Rolle der betrügerischen Hof-Schneider aus dem Märchen spielen die Gentechniker, die Lebewesen patentieren. Denn auch hier geht es um eine enorm profitträchtige Kunst, aus nichts etwas zu machen. Und da stehen die USA, einige multinational operierende Biotechnik-Konzerne, aber auch viele Wissenschaftler den gerissenen kaiserlichen Schneidern in nichts nach.

Die Patentierung von Lebewesen ist ein "raffinierter Coup der High-Tech-Länder des Nordens", sagt Weizsäcker, denn hier werde der Eigentumsbegriff ausgeweitet auf etwas, "das allenfalls Entdeckung, nicht aber technische Erfindung sein kann: auf Gattungen von Lebewesen und auf die ganze Spielbreite ihrer Varianten." Zwar gibt es seit 1992 eine internationale Konvention für biologische Vielfalt. 170 Staaten verpflichten sich dort unter anderem zum Erhalt der biologischen Vielfalt, aber auch zur gerechten Verteilung der Vorteile bei wirtschaftlicher Nutzung. Doch die Vereinigten Staaten haben die Konvention bislang noch nicht unterschrieben. Und 1994 hat die sogenannte Uruguay-Runde des internationalen Handelsabkommens GATT einen folgenschweren Entschluß gefaßt: Künftig sollten unter Patentschutz nicht mehr nur technische Erfindungen stehen, sondern auch Mikroorganismen, Pflanzen, Tiere und menschliche Gene. Seitdem hat ein regelrechtes Patentierungsfieber eingesetzt, ein Goldrausch fast wie im 19. Jahrhundert.

 

Weltweiter Goldrausch

Doch bei diesem Goldrausch wird nicht mehr nur eine bestimmte Region ausgebeutet, sondern die ganze Welt – besonders die arten- und sortenreichen Länder des Südens: "Das ist der letzte Freiraum zur Eroberung", erklärt Frau Weizsäcker. Der Weltraum habe sich als unattraktiv herausgestellt, sämtliche Schürfkonzessionen für Mineralien und Bodenschätze seien schon vergeben – "nun tut sich ein neues Gebiet für Pioniere und Kolonisatoren auf".

So schwärmen Forscher – vor allem aus den USA – seit einigen Jahren aus, um die Rechte an Pflanzen aufzukaufen – besonders Medizinpflanzen aus tropischen Regenwäldern. Ihre Verwertung verspricht besonders hohe Renditen. Einige Entwicklungsländer scheinen sich einen regelrechten Wettlauf darin zu liefern, "ihre Biodiversität meistbietend zu verramschen". Auch Genbanken wie beispielsweise das Internationale Reisforschungsinstitut (IRRI) auf den Philippinen bekommen immer häufiger Besuch von westlichen Wissenschaftlern. Der Grund: Hier lagern seit 1972 mehr als 40 Prozent (100 000) aller Wildarten der Welt. Sie gelten als "gemeinsames Erbe der Menschheit". Deshalb stehen sie jedem Wissenschaftler offen.

Für besonders pfiffig hielten sich wohl einige australische Forscher, als sie unter dem Siegel der Wissenschaft erworbene Proben sich einfach zu Hause schützen ließen. Der Schwindel flog auf, die Patente wurden im Januar 1998 nach heftigen internationalen Protesten annulliert. Nach solchen Fällen von "Biopiraterie" fordern die Genbanken jetzt ein Moratorium für die Patentierung von Pflanzen aus ihren Beständen.

Doch vor allem Forschern aus den USA ist es in den letzten Jahren gelungen, enorme Mengen biologischen Materials auf das eigene Territorium zu bringen. Denn erst dort greift der Patentschutz. Besonders gewiefte Institute und Universitäten vergaben sogar gezielt hochdotierte Stipendien an Forscher aus Entwicklungsländern – versehen mit der Auflage, einheimische Arten in die USA mitzubringen. Die wundersame juristische Verwandlung von Gemeingut in Privateigentum findet dann im Labor statt.

Um ein Patent oder zumindest prophylaktischen Patentschutz zu erhalten, reicht es oft aus, eine Spezies einfach vom Boden aufzuheben oder aus der See zu fischen. Die amerikanische Patentierungsbehörde ist unter der Last Tausender von Patentanträgen nicht mehr in der Lage, Einzelfälle sorgfältig zu prüfen.

So werden Patente auf Verdacht vergeben, die zwar von den geschädigten Staaten der Dritten Welt theoretisch angefochten werden können; doch scheitern solche Anfechtungen in der Praxis oft am nötigen Kleingeld und an der langen Verfahrensdauer. Die Annullierung eines Patents in den USA kostet mindestens eine halbe Million Dollar und dauert etwa fünf Jahre.

Welche Folgen sich aus dieser Neuschöpfung von Eigentum für die Landwirtschaft ergeben können, verdeutlicht die international gefragte Rednerin: Der Sortenschutz alter Art garantiert bislang allen Züchtern freien Zugang zu allen Zuchtmaterialien. Auch die Bauern durften für ihren Eigenbedarf weiterzüchten. "Mit patentierten, gentechnisch manipulierten Sorten hat diese jahrhundertealte Praxis ein Ende" – jeder Bauer müsse nun die patentierten Saaten verwenden.

Über die "Mutter aller Versprechungen" der biotechnischen Industrie, sie hielte quasi das Patentrezept gegen den Welthunger in ihren Händen, ärgert sich Weizsäcker am meisten. Denn sie befürchtet genau das Gegenteil: "Weil die Bauern nicht mehr nachzüchten dürfen, sondern für jede neue Aussaat Lizenzgebühren abführen müssen, fördern die gentechnisch manipulierten Sorten einen immer kapitalintensiveren Landwirtschaftsstil." Die bereits begonnene Verdrängung lokaler Sorten durch monokulturelle Intensivlandwirtschaft werde mit Hilfe der Gentechnik fortgesetzt. Deshalb ist die Biologin überzeugt: "Die Hungerkrise wird sich durch Gen-Patente eher noch verschärfen."

 

Druck auf Entwicklungsländer

Zwar ist in der Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt die Rede von einer Verpflichtung der Vertragsstaaten, "das traditionelle Wissen der indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften zu schützen". Doch seit 1992 haben sich die reichen Nationen trotzdem kräftig bedient: "Um an deren Ressourcen heranzukommen", haben die Länder des Nordens sogar versucht, über die Welthandelsorganisation WTO Druck auf Entwicklungsländer auszuüben. Es gebe Versuche, "möglichst viele nationale Gesetzgebungen jener Länder, die besonders artenreich sind (Brasilien, Ecuador, Costa Rica, Thailand), kompatibel zu machen mit dem US-Patentrecht" – oder aber Hungerhilfe, wie jetzt im Fall Indonesiens, nur unter der Bedingung zu gewähren, daß die Importbeschränkungen für genmanipulierte Weizen und Sojabohnen aufgehoben werden.

Inzwischen setzen sich die Länder des Südens gegen den Biokolonialismus zur Wehr, beobachtet Christine von Weizsäcker . Kürzlich war sie bei Verhandlungen um ein Biosafety Protokoll in Montreal. Die Frage der Patentierung, aber auch der Versicherung, wenn einmal ein Schaden an Mensch und Umwelt durch patentierte Pflanzen entsteht, spielte dort eine wichtige Rolle. Christine von Weizsäcker: "Jene Interessengruppen, die am lautesten nach der Patentierung rufen, protestieren auch am lautesten gegen die Sozialpflichtigkeit ihres Eigentums, nämlich die Gefährdungshaftung."

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