"Alarmstufe eins" für Reformhäuser und Bioläden:
Seehofer will Werbung für gentechnikfreie Produkte verbieten.
München. (04.05.98 / r.) Alarmstimmung herrscht derzeit bei den Betreibern von
Reformhäusern und Bioläden. Grund dafür ist der Entwurf des
Bundesgesundheitsministeriums zur "Änderung der neuartige Lebensmittel- und
Lebensmittelzutaten-Verordnung", mit der bundesweit die künftige Kennzeichnung
gentechnikfreier Nahrungsmittel geregelt werden soll.
In Paragraf 5 dieses Entwurfs ist vorgesehen, daß Nahrungsmittel, die die entsprechenden
Voraussetzungen erfüllen, "nur unter Verwendung der Angabe "ohne Anwendung von
Gentechnik" oder "ohne Gentechnik" in den Verkehr gebracht werden dürfen.
Wörtlich heißt es dort weiter:
Das Inverkehrbringen eines Lebensmittels oder das Werben für ein Lebensmittel mit anderen
als nach Satz 1 zugelassenen Angaben ist verboten."
Dieses Verbot würde den Lebensnerv der Reformhäuser und Bioläden treffen. Der
Bundesfachverband Deutscher Reformhäuser e.V. (refo) zeigte sich in seiner ersten
Stellungnahme zum Entwurf in höchstem Maße alarmiert. Er teilte des
Bundesgesundheitsminister mit, er lehne die entworfene Verordnung "als für die
Reformhäuser existenzgefährdend, rechtlich fragwürdig, unpraktikabel und nachteilig
für den deutschen Reformwarenhandel rundweg ab."
Der Verband führt dazu aus: "Es zeichnet sich derzeit ab, daß neben dem Massenmarkt
unter Anwendung von Gentechnik erzeugter Lebensmittel sich ein Spezialmarkt für
Lebensmittel entwickelt, die ohne Gentechnik hergestellt werden. Dieser Spezialmarkt, zu
dem sich auch die Reformhäuser zählen, ist angesichts höherer Kosten und damit höherer
Verkaufspreise darauf angewiesen, die Bemühungen um eine Produktion ohne Gentechnik
angemessen gegenüber dem Verbraucher darstellen zu können. Eine Verordnung, die
ungeachtet der bestehenden Schwierigkeiten bei der Realisierung eines solchen Angebotes
schlagartig höchste Anforderungen an eine Kennzeichnung "ohne Gentechnik"
stellt und gleichzeitig jede andere diesbezügliche Verbraucherinformation untersagt,
würde diesen Spezialmarkt erdrosseln."
Zugleich befürchtet der Reformhaus-Verband eine Beeinträchtigung der Bio-Kennzeichnung.
Wörtlich heißt es dazu in der Stellungnahme: "Denn die allgemeine
Verkehrsauffassung des Verbrauchers würde mit Sicherheit überwiegend darin bestehen,
daß Bio-Lebensmittel ohne Gentechnik hergestellt sind. Eine solche Produktbezeichnung
wäre gemäß § 5 des Verordnungsentwurfs also eine Aufmachung, die darauf hindeutet,
daß das Lebensmittel ohne Anwendung gentechnischer Verfahren hergestellt ist. Sie wäre
demnach verboten. Ein dadurch faktisch ausgelöstes Verbot der Bio-Kennzeichnung stellt
aus Sicht des refo einen massiven Angriff auf den Lebensnerv des Reformwarenhandels
dar."
Der agrarpolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90 / DIE GRÜNEN, Johann Schammann,
warf Seehofer vor, derzeit alles zu unternehmen, um den Durchmarsch der Genfood-Produkte
abzusichern. Der mit heißer Nadel gestrickte Entwurf des Bundesgesundheitsministers sei
offenkundig mit der Absicht auf den Weg gebracht worden, das derzeit in Bayern
stattfindende Volksbegehren "Gentechnikfrei aus Bayern" zu unterlaufen. Damit
riskiere der Bundesgesundheitsminister, daß auch die letzten Garanten natürlicher und
gesunder Lebensmittel, Bioläden und Reformhäuser, wirtschaftlich in den Ruin getrieben
werden. Umso wichtiger sei der Erfolg des bayerischen Volksbegehrens."
Johann Schammann: "Wer nicht vom Bundesgesundheitsminister dazu verurteilt werden
will, lebenslänglich gentechnisch veränderte Nahrung zu sich nehmen zu müssen, muß
sich jetzt beim Volksbegehren "Gentechnikfrei aus Bayern" eintragen. Dieses
Volksbegehren macht den Weg dafür frei, daß auch künftig in Bayern in ausreichendem
Maße Lebensmittel erhältlich sind, die ohne Gentechnik hergestellt wurden. Es ist eine
Schande, daß sich heute diejenigen, die sich darum bemühen, natürliche Lebensmittel
ohne gentechnische Veränderung anzubieten, nicht nur gegen die übermächtigen
Gen-Nahrungsmittel-Konzerne zur Wehr setzen müssen, sondern auch noch gegen die Politik
in Bayern, Bonn und Brüssel. Deshalb ist das bayerische Volksbegehren so
wichtig."