Zur Gen-Manipulation in Süd-Indien
von Dr. Then
Im Jahre 1995 protestierten in Bangalore/Südindien 500 000 Bürger gegen die Patentierung des Neem-Öls durch die W.R.-Grace-Gesellschaft. In den letzten 2000 Jahren benutzten die indischen Bauern den Samen des Neem-Baums als natürliches Insektenpulver zum Schutz ihrer Ernten und Getreidespeicher; der Baum dient außerdem der Herstellung vieler traditioneller Heilmittel. All die Jahre hindurch hat die westliche Welt dem Baum nicht die geringste Beachtung geschenkt. Mit einem Mal haben europäische und amerikanische Untersuchungen auf dem Gebiet der "Bio"-Pestizide das schlichte Gewächs in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Seit 1995 wurden für die Verwertung dieses nun überaus begehrten Objekts 65 Patente an westliche Firmen vergeben.
Ein einziger Aufschrei in der indischen Bevölkerung war die Folge. Bürger-organisationen und Wissenschaftsverbände prangerten diese Ausplünderung ihres nationalen Erbes an: "Wie können ausländische Firmen es wagen, Eigentumsrechte auf einen inländischen Baum zu erheben?", riefen sie. "Das ist Diebstahl nicht allein der Pflanze, sondern auch unserer traditionellen geistigen Eigentumsrechte auf den Neem-Baum."
Diese Patente können die Inder im alltäglichen Leben nicht davon abhalten, die Neem-Bäume weiter so zu gebrauchen, wie sie es in der Vergangenheit getan haben. Aber, obwohl ein US-Patent nur auf US-Territorium gültig ist, wenn es sich um auswärtiges Material handelt, ist es doch rechtskräftig und bringt Beschneidung der wirtschaftlichen Interessen des Ursprungslandes mit sich. Jetzt können Firmen ein Patent auf genmanipulierte Pflanzen erwerben und ihre Produkte teuer verkaufen, möglicherweise sogar an das Ursprungsland der Pflanze.
Dieser Neem-Baum-Fall steht leider nicht vereinzelt da. Seit der Westen den Nutzen der Artenvielfalt entdeckt hat, ist in der Gen-Szene ein erbitterter Kampf um die Vormachtstellung entbrannt. Die Gene von Pflanzen, Tieren und Menschen als Rohmaterial sind auf einmal der letzte Schrei. Sie werden im seltsamen Puzzle des Lebens als lose Ersatzteile in biogenetischen Labors montiert und verschraubt.
Es ist ein Treppenwitz der Weltgeschichte, daß Südindien, aus welchem doch 80% der Gene stammen, der Verlierer in diesem Handelskrieg ist. Wegen der hohen Kosten für wissenschaftliche Forschung und Patentprozeduren sind hauptsächlich die multinationalen Firmen im Norden die Nutznießer. Etwa 80% aller Patente wanderten dorthin, und mehr als die Hälfte der im Süden registrierten gehören Fremdfirmen an.
Die Ausbeutung der agro-genetischer Ressourcen der Dritten Welt bringt den Multis einen Gewinn von schätzungsweise 4-5 Milliarden US-Dollar im Jahr ein. Zum Beispiel wurde mit Hilfe von äthiopischer Gerste die kalifornische Gerste gegen Viruserkrankung widerstandsfähig gemacht. Man schätzt, daß der Staat Kalifornien dadurch 160 Millionen Dollar eingespart hat - ein Dollar-Regen, der keineswegs über Äthiopien niedergegangen ist.
Die Labors wollen nun schon nach so kurzer Zeit der Erforschung und Entwicklung neuer Arten ihren Vorteil wahren, und betrachten jahrhundertelanges unermüdliches Ausprobieren und Pflegen durch die Bauern als gebührenfrei wie ein gewisser Herr Vandana Shiva, ein indischer Forscher, der behauptet: "Die Patentierung der Lebensformen ist 500 Jahre nach Christoph Kolumbus die Endphase der Kolonisation, der Kolonisation des Leben überhaupt."
Es scheint, daß in Zukunft das traditionelle Wissen der Menschen des Südens das einzige unangetastete geistige Eigentum darstellt. Denn Saatgut ist nicht 'vom Himmel gefallen'. Es ist die Frucht langen Auswählens und Pflegens durch die Bauern selbst.
WIR SIND DER ÜBERZEUGUNG, DASS DIE PATENTIERUNGEN EINEN EINGRIFF IN UNSERE
VERWALTUNG, IN DIE ERNÄHRUNG, IN GRUND UND BODEN UND IN DIE LEBENSGRUNDLAGEN UNSERES LANDES DARSTELLEN, UND DASS SICH HUNGER UND UNTERERNÄHRUNG VERSCHLIMMERN WERDEN."Bürger-Memorandum