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28.05.98

Wissenschaft

"Normale Tomaten haben keine Gene"

Unwissenheit über Gentechnik weit verbreitet / Medien betonen Vorteile stärker als Nachteile

Der Minister hat sich geirrt: "Die Akzeptanzkrise in der Bevölkerung ist überwunden", hatte Jürgen Rüttgers mit Blick auf die Biotechnologie noch zu Beginn des Jahres verkündet. Eine letzte Woche vorgelegte Studie über "Chancen und Risiken der Gentechnik aus der Sicht der Öffentlichkeit" macht hingegen deutlich: Nach wie vor betrachten die Deutschen die Gentechnologie mit höchst gemischten Gefühlen.

Wie bereits kurz berichtet (SZ, 18. 5. 98) hatte ein Forschungsverbund unter Federführung der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg(AfTA) mittels einer Repräsentativumfrage unter 1500 Bundesbürgern das Meinungsklima erkundet. Demnach erwarten viele Menschen von der Gentechnik den baldigen Sieg über Krebs und Aids. Medizinische Anwendungen finden daher bei 75 Prozent der Befragten Zustimmung. Der Einsatz in der Pflanzenzucht wird dagegen von der Mehrzahl der Menschen abgelehnt.

Geringes Vertrauen in Fachleute

Deutlich fällt auch die Forderung nach strengeren Gesetzen aus. Selbst unter Gentechnikbefürwortern halten 60 Prozent die derzeitigen Regulierungen für nicht ausreichend, unter den Gegnern sind es 90 Prozent. Und sogar drei Viertel der Fürsprecher meinen, die Einhaltung bestehender Vorschriften werden nicht genügend überwacht. Bestrebungen aus dem Hause Rüttgers, gentechnische Arbeiten der niedrigsten Sicherheitsstufe ganz aus dem Gentechnikgesetz zuentlassen, dürften daher kein Wahlkampfschlager sein, zumal da das Vertrauenin die Fachleute gering ausfällt: Gerade mal drei Prozent stimmten vorbehaltlos der Aussage zu "Gentechnikexperten kann man wegen ihres Wissens vertrauen". Fast die Hälfte der Befragten zweifelt dagegen die Unabhängigkeit der Experten an.

Auf ein beliebtes Erklärungsmuster für dieses Mißtrauen wird man künftig verzichten müssen. Die oft unterstellte gentechnikfeindliche Berichterstattung in den Medien existiert nicht. Eine von dem Medienforscher Klaus Merten vorgestellte Analyse deutscher Zeitungs- und Fernsehbeiträge ergab: Der mögliche Nutzen der Gentechnologie wird in der Presse dreimal so häufig erwähnt wie etwaige Schäden und Risiken. Georg Ruhrmann, Sozialwissenschaftler an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, stellte fest: Hierzulande ist sogar häufiger von potentiellen Vorteilen der Gentechnik die Rede als in amerikanischen Medien. Die kritischste Berichterstattung fand er in Frankreich, ausnehmend euphorische Artikel in Großbritannien. Damit gibt es, so Ruhrmann, "kaum etwas Unzutreffenderes als die Rede von einem deutschen Sonderweg". Deutsche Journalisten beziehen sich in ihren Beiträgen besonders häufig auf die Industrie und erwähnen Umwelt- und Verbraucherschutzgruppen unterdurchschnittlich oft. 

Doch diese unkritische Berichterstattung scheint Leser und Zuschauer wenig zu überzeugen. Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich legte Testlesern unterschiedliche Zeitungsartikel zur Gentechnik vor. Andere Versuchspersonen sahen entsprechende Fernsehsendungen. Unabhängig von der Tendenz der Beiträge gab es bei Lesern und Zuschauern überwiegend negative Kommentare. Ausgerechnet der gentechnikfreundlichste Artikel rief die meiste Kritik hervor. "Je positiver die Berichterstattung, desto mißtrauischer werden die Leute", interpretiert Ortwin Renn von der AfTA dieses Resultat.

Die meisten Befragten gaben an, sie fühlten sich über Gentechnik nicht ausreichend informiert. Tatsächlich ist hierzulande das Sachwissen im internationalen Vergleich bescheiden, wie Martin Bauer von der London Schoolof Economics in einem ergänzenden Vortrag bei der Vorstellung der Studie in Bonn darlegte. So vermutet nahezu die Hälfte der Deutschen: "Normale Tomatenhaben keine Gene." Bessere Kenntnisse haben die Bewohner von elf anderen europäischen Staaten, darunter die skandinavischen Länder, Frankreich und Großbritannien. Nur in fünf Ländern, etwa in Irland oder Griechenland, steht es schlechter um dieses Wissen.

Doch mehr Kenntnisse erhöhen keineswegs die Akzeptanz der Gentechnik. Der Soziologe Michael Zwick von der AfTA ging der Frage nach, was Laien und Experten mit der Gentechnologie verbinden. Qualitative Interviews ergaben: Laien fielen zum Thema Gentechnik vor allem die Bereiche vorgeburtliche Gendiagnostik und Genfood ein. Beide Assoziationen waren meist negativ besetzt. Doch obwohl den Profis mehr potentiell nützliche Anwendungen, wie etwa die Pharmaforschung, in den Sinn kamen: Ihr Gesamturteil über die Gentechnik fiel nur geringfügig positiver aus.

Dabei zogen die Experten ihre Schlüsse meist aus einer Abwägung von Nutzen und Risiken. Für Laien sind andere Kriterien ausschlaggebend. Sie befürchten nicht in erster Linie konkrete technische Gefahren, etwa das Entweichen genmanipulierter Organismen aus dem Labor. Ihre Kritik gründet sich vorwiegend auf ethische Bedenken und auf "soziale Risiken": Eugenik, nachlassende Toleranz gegenüber Behinderten oder auch die Mißachtung der Verbraucher durch Nichtkennzeichnung von Gentech-Lebensmitteln. WIEBKE RÖGENER

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