Salzburger Nachrichten

- 30. Oktober 98 -

Die Gentechnik-Kritiker werden mehr

In der EU wächst der Widerstand gegen Gen-Pflanzen. Leisteten zuerst nur "Zwerge" wie Österreich und Luxemburg Widerstand, werden jetzt auch große Staaten wie Frankreich rebellisch.

Von Gertraud Leimüller

WIEN (SN).

Jahrelang stellte sich Frankreich bereitwillig als europäisches Einfallstor für Gen-Pflanzen zur Verfügung: Die Grande Nation stellte mit Abstand mehr Zulassungsanträge in Brüssel als jedes andere EU-Land.

Umso erstaunlicher ist das, was sich seit dem Regierungswechsel vor gut einem Jahr an der Seine abspielt:

Weil man Angst hat, daß genmanipulierter Raps und Zuckerrüben auf andere Pflanzen auskreuzen könnte, hat die Linksregierung unter Lionel Jospin im August ein Moratorium für beide Pflanzen verhängt. Der Anbau ist zwei Jahre lang verboten. Das trifft mit zwei Rapssorten der Firmen PGS/Agrevo kurioserweise gerade solche Pflanzen, um deren EU-weite Zulassung früher Frankreich in Brüssel angesucht hat. Weil Frankreich jetzt eine Unterschrift verweigert, ist der Anbau dieser Sorten EU-weit blockiert.

Noch mehr Turbulenzen löst der Kurswechsel im Fall von jenem Gen-Mais aus, dessen Import Österreich und Luxemburg im Alleingang verboten haben (Grund: Antibiotika-Resistenzen). Auch hier war es Frankreich, das 1994 in Brüssel die EU-weite Zulassung beantragt hat. Die EU ließ den Mais zu, französische Landwirte bauten den Novartis-Mais heuer auf 1500 Hektar an.

Vor gut einer Woche hat der französische Verwaltungsgerichtshof jedoch die Anbaugenehmigung für drei der neuen Maissorten mit den Gen-Konstrukten von Novartis aber ausgesetzt. Greenpeace u. a. Umweltgruppen hatten über Unregelmäßigkeiten im Zulassungsverfahren geklagt. Damit darf kurioserweise zwar Mais des Pharmakonzerns Novartis nach Frankreich eingeführt, nicht aber angepflanzt werden. Im Dezember will das Gericht eine endgültige Entscheidung fällen.

Auch in Großbritannien hat die Skepsis zugenommen. So wie schon vor Jahren in Deutschland, zerstören Bürgerinitiativen immer wieder Versuchsfelder. "Es gibt dort viele Freisetzungsversuche, aber auch viel zivilen Ungehorsam", sagt Ulli Sima von Global 2000. In Prinz Charles haben Kritiker einen prominenten Mitstreiter gefunden: Der britische Thronfolger erklärte kürzlich, niemals gentechnisch veränderte Lebensmittel essen oder Gästen anbieten zu wollen.

Innerhalb der EU haben sich also die Gewichte verschoben: Österreich, skandinavische Länder und Luxemburg waren bisher die einzigen Bremser. Jetzt haben sie das mächtige Frankreich an ihrer Seite. Zum harten Kern der Beschleuniger zählen nur noch die britische Regierung und fallweise auch Spanien und Portugal.

Wie die Gentechnik-Politik der neuen rotgrünen Regierung in Deutschland aussehen wird, ist noch nicht ganz klar. Ulli Sima: "Bisher gab es ja dort die eigenartige Situation, daß die Bevölkerung kritisch war, die Regierung aber das Land zur Biotechnologie-Musterregion machen wollte" (sprich: gentechnikfreundlich gesinnt war, Anm.).

Die Industrie rechnet jedenfalls bereits mit mehr Widerstand: "Die politische Situation wird schwieriger", sagt Martin Halama, Sprecher von Novartis Österreich. Anders als noch vor einigen Jahren würden sich Umweltgruppen stark mit Freisetzungen von Gen-Pflanzen beschäftigen und Druck ausüben. "Das sorgt in politischen Kreisen für Verunsicherung. Man läßt sich von populistischen Argumenten mehr beeindrucken als von wissenschaftlichen."

Wie auch immer die Argumente bewertet werden, Tatsache ist, daß die (gegenüber der Gentechnik liberal eingestellte) EU-Kommission bereits auf den Gegenwind aus den Mitgliedsländern reagiert: Der Entwurf für die Novelle der Freisetzungsrichtlinie 90/220 sieht einige Verschärfungen bei der Zulassung von Gen-Pflanzen vor.

©Salzburger Nachrichten 1998

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DER STANDARD[Image]

Freitag, 30. Oktober 1998, Seite 16 Wissenschaft [<] [>]

Farbe im Acker steigert Ertrag

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Bunte Bodenbedeckung könnte Landwirtschaft revolutionieren

London - Ohne alle Gentechnik und Chemie ließe sich die Landwirtschaft revolutionieren: Pflanzen könnten höhere Erträge bringen, gar schmackhaftere und gesündere, und sie könnten Schädlinge abwehren - wenn man nur die Äcker mit bunten Plastikplanen belegt.

Das ist der Ertrag des Forscherlebens von Michael Kasperbauer (US-Agrarministerium), dem als Kind in den 40er Jahren aufgefallen war, daß Unkräuter leichter zu jäten sind, wenn sie enger zusammen wachsen: Sie haben dann weniger Wurzeln. Den Grund hat Kasperbauer in den 60er Jahren gefunden: Pflanzen haben Sensoren ("Phytochrome"), mit denen sie einfallendes Licht analysieren.

Vor allem können sie zwei Rottöne unterscheiden, das knallige Rot im Sonnenlicht (660 Nanometer) und das für Menschen unsichtbare "far red", (730 nm), das bei der Reflexion von Sonnenlicht durch Pflanzen entsteht. So können Pflanzen entscheiden, wie sie wachsen sollen: Gibt es viel "far red", sind viele Konkurrenten in der Nähe - die Pflanze streckt sich höher zur Sonne und produziert mehr Früchte. Umgekehrt investiert sie weniger in die Wurzeln.

Im nächsten Schritt hat Kasperbauer "far red" selbst erzeugt durch das Einfärben von Ackerböden zunächst, dann mit Plastikplanen. 1986 kam der erste Erfolg: Tomaten auf rotem Untergrund brachten 15 bis 20 Prozent mehr Ertrag. Und umgekehrt geht das Kunststück auch: Legt man grüne und blaue Planen auf Karottenfeldern aus, wird kein "far red" reflektiert. Die Pflanzen sehen keine Konkurrenz und investieren deshalb mehr in die Wurzeln.

Damit ist das Mirakel aber nicht zu Ende. An Rüben hat Kasperbauer bemerkt, daß sie je nach Farbe der Ackerbedeckung auch anders schmecken - unter blauer Folie produzieren sie mehr Vitamin C und Stoffe, die gewisse Tumore abwehren. Und Erdbeeren auf roten Feldern bringen außer größeren auch süßere Früchte.

Unerklärt ist noch der letzte Effekt: Die Pflanzen können sich besser gegen Schädlinge wehren, gegen wurzelsaugende wie überirdische: Käfer und von ihnen übertragene Viren scheuen genau jenes Licht - rot und blau -, das Tomaten oben und Karotten unten wachsen macht. Nicht nur im Labor: In den USA sind die Folien seit 1996 im Handel. (New Scientist. Nr. 2157) (jl)


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