Selbst Befürworter der Gentechnik bekommen bekommen angesichts der unzureichenden/fehlenden Kennzeichnung von Lebensmitteln mit gentechnisch beeinflußten Komponenten deutliche Bedenken:

--------------------------------------------------------------------------------

Gassen, Hans Günther:

"Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt"

In unserer Gesellschaft ist "Essen" mehr als bloßes "sich sättigen", es ist Ausdruck unserer Kultur, unserer Tradition, und gemeinsames Essen symbolisiert den Willen zu teilen und damit soziales Verhalten. So kann es nicht verwundern, daß eine immer weitergehende Technisierung der Nahrungsmittelproduktion auf Ablehnung bei unseren Mitbürgern stößt. Aber könnten wir auf das molekularbiologische Methodenspektrum u.a. auf die Gentechnik in der Pflanzen- und Tierzüchtung tatsächlich verzichten? Sollten wir wieder auf die Anbaumethoden der Väter zurückgehen? Die Reichen in den Industrienationen könnten sich dieses gewiß leisten, denn sie werden Nahrungsmittel, die sie nicht selbst produzieren wollen, problemlos von den Agrarstaaten importieren. Für eine ins Ausland veräußerte Luxuslimousine kann man viele Tonnen Weizen kaufen.

Wir wären schlecht beraten, wenn wir uns auf Druck von Minoritäten hin aus dem Generationenvertrag ausklinken würden, um unseren sentimentalen Neigungen nachzugehen. Das Ziel einer nachhaltigen Landwirtschaft, die hohe Hektarerträge bringt, aber Boden und Grundwasser schont, kann ohne die überlegte Anwendung neuer physikalischer, chemischer und biologischer Methoden nicht erreicht werden. Dabei ist jedem Verständigen klar, daß die Gentechnik kein Allheilmittel darstellt, sondern als Teil eines Spektrums gesehen werden muß, aus dem es gilt, klug auszuwählen. So kann es im Einzelfall sinnvoller sein, Resistenzen aus Landsorten einzukreuzen, als Gene aus Bakterien in das Genom von Pflanzen einzufügen. Das gestellte Problem, auch im Sinne der späteren Vermarktung des Produktes, muß entscheiden, mit welcher Technik man sein Ziel erreichen will. Dogmatismus im Sinne einer Technologiezentrierung, sei sie "Öko oder Geno", kann den Marktanforderungen nicht gerecht werden.

Der Verbraucher steht neuartigen Lebensmitteln im Prinzip positiv gegenüber. Dies beweist schon die Tatsache, daß in einem Supermarkt pro Jahr ca. 500 neue Lebensmittel gegen alte ausgetauscht werden. Auch der bereits langanhaltende Trend zur Ethnofood oder zu den Probiotika beweist, daß Neugierde ein Teil der Essenskultur ist.

Das Vertrauen zwischen der Landwirtschaft, der produzierenden Industrie und dem Handel auf der einen Seite und dem Kunden auf der anderen Seite ist jedoch in der letzten Zeit stark strapaziert worden. "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt", mit dieser elterlichen Machtandrohung mußten wir schon als Kinder leben, und viele Gruppierungen in der Lebensmittelwirtschaft scheinen dieses Motto verinnerlicht zu haben. Nur heißt die Drohung heute: "Wir schreiben auf die Packung, was wir für richtig und nötig halten".

In Zeiten des "Internets" hat die von jedermann abrufbare verständliche Information einen unverzichtbaren Stellenwert bekommen. Das Etikett für die gekauften Tomaten in der Plastiktüte kann der Kunde schon selbst drucken - warum kann er nicht die Daten über das unter Nutzung gentechnischer Methoden hergestellte Lebensmittel an einem Computer abrufen? Natürlich würden nur wenige Kunden von der Möglichkeit auch Gebrauch machen. Aber der Kunde besteht zu Recht auf einer am Einkaufsort verfügbaren Informationsquelle über die Inhaltsstoffe und Produktionsmethoden der angebotenen Lebensmittel. Die allpräsente Werbung suggeriert dem Kunden, er sei ein König, wenn es aber um Informationen über ein zu kaufendes Lebensmittel geht, wird er oft zum Bittsteller degradiert. "Ändert Euren Sinn" - so lautet nicht nur ein biblisches Gebot, sondern so muß man dies auch als eine Forderung an die Lebensmittelwirtschaft formulieren.

Die Nutzung gentechnischer Methoden in der Pflanzen- und Tierzüchtung ist für eine weltweite Versorgung der Menschen mit hochwertigen Nahrungsmitteln unverzichtbar. Sie mutet der derzeitigen Generation Unwägbarkeiten zu, die aber im Sinne des Generationenvertrages so zu übernehmen sind, wie unsere Eltern Risiken für uns übernommen haben. Auf das Verständnis unserer Mitbürger können wir aber nur hoffen, wenn wir ehrlich und verständlich über reales Tun und beabsichtigtes Handeln informieren. Dieses ist kein Entgegenkommen der Lebensmittelwirtschaft, sondern ihre Bringschuld.

Prof. Dr. Hans Günther Gassen
Technische Universität Darmstadt
Institut für Biochemie

Petersenstr. 22
D-64287 Darmstadt

aus: GIT Labor-Fachzeitschrift 10/98, S. 1000.


Übersicht