Neue Zürcher Zeitung FORSCHUNG UND TECHNIK Mittwoch, 25.08.1999 Nr. 196 53

Erhöhte Chance für resistente Schadinsekten?

Überraschender Laborversuch mit Baumwollkapselraupen

 

Der Erfolg von gentechnisch veränderten Pflanzen, die sich mit Hilfe des Bt-Toxins vor Insektenfraß schützen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie schnell Schädlinge auftreten, die gegenüber dem von den Pflanzen selbst hergestellten Insektizid resistent sind.

Dass zufällig auftretende Mutationen Resistenzen hervorrufen, lässt sich nicht verhindern. Damit der Schutz auf den Millionen Hektaren von Bt-Mais oder Bt-Baumwolle jedoch lange anhält, hat man sich eine wirksame Strategie überlegt. In unmittelbarer Nachbarschaft von Bt-Pflanzen werden gentechnisch unveränderte Pflanzen angebaut, die den Schadinsekten einen optimalen Lebensraum bieten. Auf diese Weise stehen wenigen resistenten Insekten zahlenmäßig wesentlich mehr Tiere gegenüber, für die das Bt-Toxin tödlich ist. Da es sich fast immer um sogenannte rezessive Mutationen handelt, sind die Nachkommen nur dann resistent, wenn beide Eltern dies ebenfalls waren.

Durch die Schaffung der Gentechnik-freien Refugien ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher, dass sich resistente mit nichtresistenten Schädlingen paaren und ihre Nachkommen dadurch auf Bt-Pflanzen nicht überleben können.

Diese Strategie kann allerdings nur dann aufgehen, wenn resistente und nichtresistente Schadinsekten gleichzeitig paarungsbereit sind.

Dass diese Annahme nicht immer zutreffen muss, zeigt jetzt eine Studie amerikanischer Wissenschafter. Sie haben die Entwicklung von resistenten und nichtresistenten Rosaroten Baumwollkapselraupen (Pectinophora gossypiella) im Labor untersucht. Die Larven dieses Schmetterlings befallen die heranreifenden Baumwollkapseln und machen dadurch die Baumwollernte zunichte.

Zur großen Überraschung der Forscher dauerte die Entwicklung der resistenten Tiere vom Ei bis zur Raupe fast 6 Tage länger, wenn sie sich von Bt- Baumwolle ernährten.

Was unter Laborbedingungen keine große Rolle spielt, könnte im Feld katastrophale Folgen haben. Denn die Lebenserwartung der paarungsfähigen Schmetterlinge beträgt weniger als eine Woche, wobei sich die meisten Tiere während der ersten drei Tage nach Verlassen der Puppen paaren. Die Wissenschafter befürchten, dass sich deshalb resistente Schädlinge viel häufiger miteinander paaren, als bisher angenommen wurde. Dadurch käme es zu einer Zunahme resistenter Baumwollkapselraupen, denen die Bt-Baumwolle schutzlos ausgeliefert wäre.

Wie schon im Fall des Bt-Maises, dessen Pollen für die Raupen des Monarchfalters schädlich zu sein scheinen, basiert auch diese Studie auf Laborexperimenten. Die Ergebnisse aus dem Labor sind insofern wichtig, als sie auf bisher unberücksichtigte mögliche Probleme hinweisen. Inwieweit sie sich jedoch auf die Situation im Feld übertragen lassen, muss noch genau untersucht werden. Denn bisher sind bei Bt-Baumwolle keine Resistenzfälle bekannt.

Daniel Dreesmann

Quelle: Nature 400, 501/502 und 519 (1999).


Übersicht