Vision vom neuen Menschen? - Horror und Hoffnungen ..

dpa 16.09.99 06:22 


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Vision vom neuen Menschen? - Horror und Hoffnungen der Biotechniken Von Simone Humml, dpa 

Hamburg (dpa) - Was bei Schafen bereits möglich ist, erscheint auch bei Menschen denkbar. Geklonte und gentechnisch veränderte Vierbeiner wecken weltweit zugleich Furcht vor neuartigen Menschen und Hoffnung auf medizinischen Fortschritt.

Nach dem Vortrag "Regeln für den Menschenpark" des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk auf Schloss Elmau wurde in Deutschland die Debatte zum Umgang mit der Gen- und Klontechnik erneut belebt.

Seine in der "Zeit" am Donnerstag gedruckte, stark umstrittene Rede will er unter anderem als Einsatz für einen "moralischen Codex" verstanden wissen. Doch was dürfen Biotechniker heute, was können und was planen sie?

Bis Juni 1999 sind nach jüngster Auskunft der Biologin Claudia Eberhard-Metzger mehr als 2 500 Menschen gentechnisch behandelt worden. Doch "geheilt werden konnte bislang kein einziger Patient", schreibt die Gen-Expertin im Buch "Das Molekül des Lebens".

Krankheitssymptome konnten im seltenen Einzelfall jedoch bereits verbessert werden und Mediziner schauen zuversichtlich auf größere Erfolge. Schließlich hat es auch ein paar Jahrzehnte von der Entdeckung der Bakterien bis zur Antibiotika-Therapie gedauert.

Die genetische Veränderung von Körperzellen des Menschen ist 1985 in Deutschland verfassungsrechtlich abgesegnet worden, stößt noch aber auf medizinische Probleme: Vor allem die Transportmittel der Gene, etwa Viren oder Fetthüllen, sind nicht ausgereift.

Sie erreichen entweder nicht den richtigen Zielort oder bringen zu wenig Gene dorthin. Zudem muss die Zelle die neuen Gene auch richtig steuern. Vor allem bei Viren besteht die Gefahr von unvorhersehbaren "Nebenwirkungen".

Bislang sind mehrere Tausend Erbkrankheiten bekannt, die auf dem Defekt eines einzigen Gens beruhen wie Muskelschwund, Mukoviszidose oder Veitstanz. Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist davon betroffen. Zumindest schwieriger, vielleicht auch unmöglich wäre die Gentherapie bei komplexen Krankheiten wie Alzheimer oder bestimmten Krebsformen, wenn mehrere Gene und wahrscheinlich auch äußere Faktoren beteiligt sind.

In Deutschland verboten ist ein Eingriff in das Erbgut der menschlichen Keimzellen, womit die Genveränderung an alle Nachkommen vererbt würde. Bei Pflanzen und Tieren ist das gang und gäbe. In Nordamerika wuchsen 1998 nach Angaben von Eberhard-Metzger auf 15 Prozent der Ackerfläche Gentech-Pflanzen.

Genveränderte "Havard-Krebsmäuse" erkranken stets in gleicher Weise und sind daher für Tierversuche geeignet. Schafe und Ziegen geben mit ihrer Milch Arzneistoffe ab, etwa für Bluter. Technisch erscheint es sogar einfacher, eine künstlich befruchtete Eizelle zu verändern als später sämtliche Zellen etwa einer Leber.

Gegen diese Keimbahntherapie spricht nicht nur, dass über künftige Menschenleben ungefragt entschieden wird. Sorge bereitet den Forschern vor allem auch der Weg zum genveränderten Kind: Gentechnische Eingriffe in die menschliche Keimbahn werden "voraussichtlich möglich und vielleicht sinnvoll sein", sagte Professor Detlev Ganten, Wissenschaftlicher Leiter des Max-Delbrück- Centrum Berlin in einem Interview.

Als wichtiges Argument gegen die Keimbahntherapie nennt er jedoch das Risiko von Missbildungen und Totgeburten, denn ein Ergebnis der Keimbahnveränderung lasse sich nicht vorhersagen. Ungezählte Fehlversuche werden bei Tieren in Kauf genommen. Doch wer trägt die Verantwortung für Menschen, die bei den Versuchen möglicherweise behindert geboren werden?

Zudem befürchten Kritiker einen Dammbruch, sollte die Keimbahntherapie einmal für streng definierte, schwere Krankheiten zugelassen werden. Es erscheint ungewiss, ob sich dann alle Staaten, Mediziner und Eltern an - von wem? - gegebene Richtlinien halten. Schon heute werden in Ländern wie China und Indien völlig gesunde Embryos abgetrieben, nur weil sie weiblich sind. Warum sollten diese Eltern nicht auch die Gentherapie für ein besonders intelligentes Kind in Anspruch nehmen.

Viele Forscher wie der Genetiker Jens Reich (Max-Delbrück-Centrum Berlin) bezweifeln jedoch, dass dies jemals gelingt. Es werden zwar immer wieder einzelne Gene entdeckt, die die Lernfähigkeit oder andere Eigenschaften beeinflussen. Vom Zusammenspiel der Gene untereinander und den Umwelteinflüssen darauf ist jedoch nur wenig bekannt.

Auch das Klonen von erwachsenen Menschen ist nicht so einfach vom Tier auf den Menschen übertragbar, wie einige umstrittene Forscher, darunter der Amerikaner Richard Seed, vorgeben. Die Unesco hat sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen. In den meisten Ländern, darunter auch Deutschland, ist es verboten.

Zweieinhalb Jahre nach der Präsentation des Klonschafs Dolly gibt es zwar ähnlich geklonte Kühe, Mäuse, Ziegen und weitere Schafe, dennoch ist das Verfahren keinesfalls Routine. So weit bei den Versuchen überhaupt Embryonen entstanden sind, starben die meisten während der Schwangerschaft oder bald nach der Geburt. Wer könnte das für den Menschen verantworten? Zudem haben die Klontiere das gealterte Erbgut ihres genetischen Elternteils übernommen. Die Endstücke ihrer Chromosomen (Telomere), eine Art Lebensuhr, sind verkürzt. Ob die Klontiere oder ihre Nachkommen deswegen früher altern, ist noch ungewiss.

Große Fortschritte machten die Biotechniker in den vergangenen Jahren bei Experimenten mit menschlichen Embryozellen. So stellten US-Forscher aus wenige Tage alten Embryonen undifferenzierte Stammzellen her, die sich weiter vermehrten. Die Forscher wollen aus ihnen Organe für die Transplantation züchten. Noch fehlt ihnen allerdings der "Hebel" zur Entwicklung dieser Organe. Die Embryos kamen mit Einverständnis der "Eltern" aus Fruchtbarkeitskliniken in den USA und Israel.

In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz von 1991 das Forschen an menschlichen Embryozellen. Eizellen einer Frau dürfen ausschließlich zum Zwecke einer Schwangerschaft künstlich befruchtet werden. Das Embryonenschutzgesetz verbietet damit auch die Gendiagnose vor dem Einsetzen in die Gebärmutter.

Deutsche Paare, die auf Grund einer familiären Erkrankung diese sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) wünschen, können ins Ausland fahren. Allerdings bröckelt auch in Deutschland der Widerstand: Die rheinland-pfälzische Bioethik-Kommission plädierte in diesem Jahr dafür, die PID in Sonderfällen zuzulassen.

Sollen Philosophen, Politiker, Ärzte oder Eltern entscheiden, was für ein Kind das Beste ist? Ist es das Beste für das Kind, was Eltern für das Beste halten? Haben Europäer einen Gendefekt, weil ihnen die genetische Ausstattung für dunkle Haut und damit ein Schutz vor UV- Strahlen fehlt oder ist das eine notwendige Anpassung an die Lichtverhältnisse? Wer weiß, was die beste genetische Ausstattung im Jahr 3 000 ist? Droht die Serienproduktion gentechnisch "perfekter" Menschen und damit ein fundamentaler Wandel des Menschenbildes?

Selbst wenn es den Philosophen gelingen sollte, einen Codex für neue Biotechniken aufzustellen, bleibt die Frage nach der Wirkung. Tabus - etwa die Öffnung von Leichen für die Forschung - sind in der Geschichte stets gebrochen worden, wenn das Interesse daran groß genug war. Angesichts der Tatsache, dass in nur einem halben Jahrhundert die Genstruktur entdeckt, Kinder künstlich gezeugt und Säugetiere geklont wurden, erscheint der gentechnisch veränderte Mensch möglich - und das Ziehen von ethischen Grenzen notwendig. dpa hu yy jm/my ra