Philosoph Birnbacher: Genetische Selektion vor der ..

dpa 07.10.99 09:14 


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Philosoph Birnbacher: Genetische Selektion vor der Geburt zulassen 

Konstanz (dpa) - Der Ethik-Professor Dieter Birnbacher hat sich für eine stärkere Freigabe genetischer Selektionen und Abtreibungen bis zur Geburt ausgesprochen. Die Vorteile einer gewissen Auswahl am Lebensbeginn seien höher als die möglichen Nachteile, sagte Birnbacher am Donnerstag beim Deutschen Kongress für Philosophie in Konstanz (Baden-Württemberg). Die "reproduktive Freiheit und Selbstbestimmung der Eltern" müsse ausgeweitet werden. Aus seinem Verständnis der Ethik seien ungeborene Kinder nicht unbedingt schutzwürdig. Die entscheidende Schwelle für den Lebenschutz sei die Geburt, meinte Birnbacher.

Er warnte vor übertriebenen Schreckensvorstellungen und Ängsten hinsichtlich der genetischen Diagnostik. In Deutschland interessierten sich wahrscheinlich auch langfristig nur wenige Eltern für eine biologische Merkmalsplanung ihrer Kinder. Anders als befürchtet, habe die Ausweitung der pränatalen Selektion in den vergangenen Jahren nicht zur einer stärkeren Diskriminierung von Behinderten etwa mit Down-Syndrom geführt.

Wer kein behindertes oder weibliches Kind "hier und jetzt" haben wolle, sei deswegen noch lange nicht behinderten- oder frauenfeindlich, meinte Birnbacher. Er räumte allerdings ein, dass sich erwachsene Frauen und Behinderte durch eine Entscheidung gegen weibliche und behinderte Föten "stigmatisiert fühlen könnten". Dennoch könne eine solche Selektion in manchen Fällen aus übergeordneten ethischen Gründen heraus gerechtfertigt sein.

Bei dem Kongress in Konstanz leitete Birnbacher am Donnerstag ein Forum zur Bio- und Medizinethik. Der 53-Jährige lehrt an der Universität Düsseldorf Philosophie und gilt als einer der profiliertesten Medizin-Ethiker in Deutschland. Brisanz erhielt sein Vortrag durch die Debatte um die Äußerungen des Philosophen Peter Sloterdijk zur Menschenzüchtung. Kritiker werfen Sloterdijk die Verwendung nationalsozialistischer Schlagwörter vor. Er vertritt die These, dass der Humanismus und sämtliche Erziehungsprogramme versagt hätten und die Bestie Mensch möglicherweise durch gentechnische Manipulationen gezähmt werden könne. dpa bl yy fk