Gentechnik: 
Forscher verschweigen Todesfälle bei Gentherapien 

(Meldung vom 8.11.1999) 

Sechs Tote, die in den USA während Gentherapien in den vergangenen 19
Monaten starben, wurden bei der dafür zuständigen Behörde, den National
Institutes of Health (NIH), nicht gemeldet, berichtet die Washington Post.
Diese Todesfälle sind laut der Zeitung die ersten im Zusammenhang mit
Gentherapie, die nicht anzeigt wurden. Möglicherweise ist dies ein Zeichen
dafür, dass aus Geldgründen Risiken verschwiegen werden und die bisherige
Meldepraxis unterlaufen werden soll, kommentieren die Autoren. 

Die NIH sind eine von zwei amerikanischen Bundeseinrichtungen, die damit
betraut sind, die Sicherheit im Zusammenhang mit der kontrovers
diskutierten Gentherapie zu gewährleisten. Die Therapie, in der den
Patienten neue Gene übertragen werden, werde wegen der allgemeinen Skepsis
gegenüber genetischen Veränderungen strenger überwacht als konventionelle
neue Therapien. Die NIH haben mit den Gene Therapy Policy Conferences
(GTPC) eine Instanz geschaffen, in der in regelmäßigen Abständen die
wissenschaftlichen, ethischen, sozialen und juristischen Probleme der
Therapie diskutiert werden. 

Im kommenden Dezember werden die NIH ihre Richtlinien gegenüber den
Vertretern der Wirtschaft verteidigen müssen. Denn der finanzielle Druck
auf Wissenschaftler und Pharmafirmen nimmt zu und die Firmen mahnen zu
Geheimhaltung von Problemen bei der Gentherapie. Manche Firmen plädieren
sogar dafür, die Meldepflicht für die Forschung abzuschaffen. 

Nach der Bestätigung der sechs Todesfälle wurden in der vergangenen Woche
ein weiterer Todesfall und zwei ernsthafte Komplikationen während der
Gentherapie bekannt. Diese wurden der NIH mit der Aufforderung, sie
vertraulich zu behandeln, gemeldet. Dadurch wurde der langjährige Vorsatz
der Gesundheitsinstitute - die Öffentlichkeit zu informieren - gebrochen.
Die sechs Menschen starben während Versuchen am Herzen, bei denen zwei
führende Genforscher - Ronald Crystal vom New York Hospital-Cornell Medical
Center in Manhattan und Jeffrey Isner von der Tufts University in Boston -
federführend waren. 

Die beiden Wissenschaftler ringen darum, eine Alternative zur
Bypassoperation zu finden: Sie wollen mit Hilfe einer Gentherapie neue
Blutgefäße nachwachsen zu lassen. In der Woche, in der Isners Firma
Vascular Genetics 1998 an die Börse ging, bat Crystal NIH um Geheimhaltung
von Problemen, weil er wirtschaftliche Auswirkungen auf sein Geschäft - die
Firma GenVec - befürchte. 

Crystal und Isner erklärten gegenüber der Washington Post, dass sie nicht
an einen Zusammenhang der Todesfälle mit der Gentherapie glaubten, sondern
machten Komplikationen aus den ursprünglichen Krankheiten der Patienten für
den Tod verantwortlich. Eine Meldung entsprechend der Bundesrichtlinien sei
deshalb nicht nötig gewesen, weil die Patienten nicht aufgrund der Therapie
gestorben seien, sagten die beiden Forscher. 

Diese Interpretation der Richtlinien ist neu und entspricht laut der
Washington Post in keinster Weise der NIH-Auffassung. Die Forscher hätten
die Todesfälle der Food and Drug Administration gemeldet, die solche
Informationen geheim hält, teilten sie dem Blatt mit. Die NIH halten daran
fest, dass jeder Tote in Zusammenhang mit der Gentherapie gemeldet werden
und an die Öffentlichkeit dringen müsse, denn oftmals werde der Grund des
Todes und die Rolle der Therapie darin erst später genau klar. 

[Quelle: Cornelia Pretzer und Washington Post]


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