Sloterdijk und Lafontaine gegen "unkontrollierten Neoliberalismus"

Deutsche Presse-Agentur Sonntag, 14. November 1999 16:35:00 


Copyright dpa, 1999 

Sloterdijk und Lafontaine gegen "unkontrollierten Neoliberalismus"
Wien (dpa) - Oskar Lafontaine und Peter Sloterdijk haben am
Sonntag im Burgtheater Wien heftige Kritik an den Medien geübt und
sich vehement für internationale Lösungen in Politik, Wirtschaft und
Wissenschaft ausgesprochen. Einig waren sich der Ex-
Bundesfinanzminister und der Philosoph auch in ihrer Ablehnung des
"unkontrollierten Neoliberalismus". Als Auftakt zur neuen
Diskussionsreihe "BurgZeitForum" hatten die Hamburger "Zeit" und das
Burgtheater Wien die beiden Zeitgenossen aufs Podium
geholt.
Lafontaines Ansicht zufolge vermitteln die Medien "eine
Scheinwelt", in der Authentizität "verboten" sei. Mit der
rhetorischen Frage "Wie viel Wahrheit ist möglich in einer
öffentlichen Rolle?" schloss sich Sloterdijk "voller Sympathie" der
"wunderbar altmodischen" Medienkritik Lafontaines an. Die
Gesellschaft sei lediglich "die Summe ihrer medienvermittelten
Selbstgespräche".
Lafontaine, der die Gesprächsführung zunächst dem Philosophen
überließ, wiederholte seine heftigen Angriffe auf die
Sozialdemokraten der "Neuen Mitte". Sie verstünden unter
"Modernisierung" allein Sozialabbau mit dem vorgeschobenen Argument,
"nur so auf dem Weltmarkt bestehen zu können". Einig waren sich der
Saarländer und der Karlsruher in Lafontaines Analyse, der "frei
agierende Finanzkapitalismus" sei bereits gescheitert und ein
internationaler Ordnungsrahmen nötig.
Sloterdijk schloss sich der skeptischen Haltung Lafontaines
gegenüber der Wiedervereinigung Deutschlands nach 1989 an. Die
"politische Zeitenwende" nach Zusammenbruch der sozialistischen
Systeme stelle die Sozialdemokraten vor die schwierige Aufgabe, eine
"Alternative zum sich selbst überlassenen kapitalistischen Weltlauf"
zu entwickeln. Der Ex-Finanzminister bekräftigte seine Meinung, auch
nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa sei es möglich,
"das europäische Staatsmodell zu erhalten" und nicht anglo-
amerikanischen Konzepten zu folgen.
Nach Ansicht des Philosophen stellt die "politische Zeitenwende"
nach Zusammenbruch der sozialistischen Systeme die Sozialdemokraten
vor die schwierige Aufgabe, eine "Alternative zum sich selbst
überlassenen kapitalistischen Weltlauf" zu entwickeln. Der
"Großversuch einer mixed economy als sozialdemokratische Zähmung des
Liberalismus" sei ein denkbares Modell.
Einig waren sich der Saarländer und der Karlsruher in der
Ablehnung des "unkontrollierten Neoliberalismus", den Lafontaine in
Wirtschaft und Politik, Sloterdijk in der Wissenschaft und namentlich
in der Gentechnik ausmachten. Wie der Ex-Politiker den Markt nicht
allein der Wirtschaft überlassen wollte, forderte der Philosoph in
Fragen der Gentechnik, nicht allein der Forschung die Führung zu
überlassen.
dpa ims xx ga


Übersicht