HANDELSBLATT
Neues von der "Genfront"


Bisher galten die USA als Hochburg für Feldfrüchte mit gentechnischen Veränderungen. Doch der Wind dreht sich. Nachdem die Bauern ihre Ware in Europa nicht mehr los werden und der Widerstand der amerikanischen Verbraucher erwacht, kündigen sich große Probleme für die grüne Gentechnik an.

HANDELSBLATT, 23.11.1999

„Auch wenn der Verbraucher falsch liegt, hat er Recht", sagt Boyd Ebberson. Der Landwirt aus den USA setzt seit drei Jahren auf seiner Großfarm genetisch verändertes Saatgut ein. „Nächstes Jahr", meint er, wechsele ich zurück".
Er ist nicht der einzige: Die harsche Reaktion europäischer Verbraucher auf Lebensmittel mit gentechnisch veränderten Bestandteilen zeigt Wirkung. Im kommenden Jahr werden die Verkaufszahlen für genetisch modifiziertes Saatgut in den USA erstmals nach drei Jahren starken Wachstums zurückgehen. Viele Farmer teilen zwar nicht die Bedenken der Konsumenten über die Gesundheitsrisiken der grünen Gentechnik, können sie aber nicht länger ignorieren.

Schlechte Nachrichten für die Riesen der Agro-Branche:
Sie haben einige zehn Milliarden Dollar in die Entwicklung von gentechnisch modifizierten Feldfrüchten gesteckt. Ihre Überzeugungsarbeit griff bei den USFarmern, die bereit sind 25 % mehr für genetisch modifizierten Samen zu zahlen als für seine herkömmliche Variante.

In diesem Jahr werden weltweit auf 39,9 Mill. ha gentechnisch veränderte Nutzpflanzen kommerziell angebaut, 44 % mehr als 1998. Das errechnete der jährliche Bericht des International Service for the Acquisition of Agribiotech Applications (ISAAA). Die Fläche entspricht der Größe von Deutschland und den Niederlanden zusammen. Wichtigste Pflanze war dabei Soja mit 54 % der Fläche, gefolgt von Mais (28 %) sowie Baumwolle und Raps mit je 9%.

Allerdings werden die GenSaaten bisher nur in zwölf Nationen kommerziell angebaut, im EU-Raum nur in Frankreich, Spanien und Portugal. Größter Verwender sind die Landwirte in den USA mit 72 % der Fläche, gefolgt von Argentinien mit 17 % und Kanada mit 10 %. Doch auch das ISAAA nimmt den GenEuphorikern die Luft aus den Segeln. Für 2000 wird mit einer Verlangsamung des Wachstums gerechnet.
„Wir sind froh, wenn wir unseren Umsatz halten können", sagt Edward Shonsey, Präsident des europäischen Biotechnologie-Giganten Novartis AG in den USA. Robert Wichmann, Topmanager bei dem zu DuPont gehörenden Pioneer HiBred International, prognostiziert sogar einen Rückgang im Verkauf (Pioneer ist der größte Saatgutproduzent in den USA).

Einige Agro-Universitäten prophezeien in ihren Studien Schlimmeres: „Wir erwarten einen deutlichen Rückgang", sagt Professor Steve Sonka von der Uni Illinois. Und sein Kollege David Bullock ergänzt: „Es geht hier nicht um europäische Lebensmittelhersteller die Protektionismus betreiben. Es ist wichtig für die USFarmer zu begreifen, dass hinter der Entwicklung die Verbraucher stehen."

Die Trendwende führt zu einem Werbefeldzug mit Radiowerbung und Ortsversammlungen auf dem Land. Dort versuchen Vertreter der AgroKonzerne, Stimmung für die lukrativen GenSaaten zu machen.

Nach regelmäßigen Preiserhöhungen in der Vergangenheit versprechen die Firmen nun, den Preis für das Saatgut konstant zu halten. Daneben stellen sie den Bauern in Aussicht, Käufer für die genetisch modifizierte Ernte zu finden. Doch das wird schwer. in Europa haben die Verbraucher GenEssen schon immer abgelehnt. In Amerika wissen sie in der Regel nicht, dass zahlreiche Produkte in den Supermarktregalen genetisch modifizierte Zutaten enthalten: vom Süßstoff bis zu den Cornflakes. Aber in Meinungsumfragen sagen die Amerikaner, dass sie wissen wollen, ob ihre Einkaufswaren biologisch manipuliertes Material enthalten; der Widerstand wächst.

In diesem Monat wurde von beiden Parteien im Kongress eine Gesetzesvorlage eingebracht, die einen Hinweis auf der Verpackung erforderlich macht, ob bei der Produktherstellung genetisch verändertes Saatgut verwendet wurde. Die Ernährungsindustrie fürchtet, die öffentliche Meinung könnte endgültig kippen: Wenn etwas gekennzeichnet werden muss, könnten die Verbraucher denken, dann ist es auch gefährlich.

Genetisch veränderte Feldfrüchte werden vor allem im mittleren Westen der USA angebaut. Fast 28 Millionen Hektar umfaßt ihre Ackerfläche. Doch es wird immer schwerer GenFeldfrüchte zu exportieren, nachdem die Lebensmittelhersteller in Europa als Kunden wegfallen. Folge: Die Weltmarktpreise sind im Keller. Saatguthändler befürchten bereits rückläufige Verkäufe von über 20 % bei GenSaaten.
Das Thema mutiert sogar zum Politikum: Im kommenden Jahr werden sich auch die WTO-Verhandlungen damit beschäftigen. Die anstehende Runde in Seattle wird dabei noch keine Erkenntnisse bringen, glaubt die American Corn Grower Association. Sie rät ihren Mit gliedern, sich jetzt Saatgut einzukaufen. Welche Sorte, das überläßt sie den Bauern.
Inzwischen wächst die Besorgnis der Landwirtschaft, dass konventionelles, unverändertes Saatgut knapp werden könnte. „Es zeichnet sich immer mehr ab, dass im nächsten Frühjahr starke Einbußen auf uns zukommen", sagt Leon Corzin ein Farmer und Saatguthändler.


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