Aus dem Bild der Wissenschaft News-Ticker:
Gentechnik:
Gentherapie: Bisher keine Erfolgsmeldungen
(Meldung vom 30.11.1999)
In den letzten zehn Jahren haben weltweit 4000 Patienten an über 300 Studien
zur Wirksamkeit von Gentherapien teilgenommen - doch die Forscher könnten
über keine einzige Heilung berichten, erklärte Bernd Gänsbacher von der
Technischen Universität München auf dem 7.Treffen der Europäischen
Gesellschaft für Gentherapie am Freitag in München. Die gentechnischen
Labormethoden, die bei Tieren funktionieren, auch beim Menschen einzusetzen,
hat sich als viel schwieriger erwiesen, als die Forscher zunächst angenommen
hatten. Dass sich keine Erfolge einstellen, kann aber auch daran liegen,
dass in die Studien nur solche Patienten aufgenommen werden, bei denen keine
andere Therapie mehr anschlägt.
Rund 70 Prozent der Studien laufen in den USA, doch auch in Europa gibt es
etwa 100 Studien zur Gentherapie. Eine genaue Angabe sei unmöglich, da weder
in Europa noch in Deutschland Therapiestudien zentral dokumentiert würden,
klagte Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut in Darmstadt. Gut zwei
Drittel der Projekte dienen der Krebsbekämpfung. Die Forscher kämpfen vor
allem mit zwei Problemen: 1. Wie bringt man die heilenden Gene in
ausreichenden Mengen in die Körperzellen? 2. Wie kann man die Gene, sind sie
einmal in einer Zelle angekommen, dort möglichst lange aktiv halten?
In den meisten Fällen kommen als "Genfähren" abgeschwächte Viren zum
Einsatz, so etwa die Adenoviren, die beim Menschen normalerweise
Erkältungskrankheiten auslösen. Diese Viren können jedoch eine Immunreaktion
auslösen, erklärte Stefan Kochanek von der Universität Köln. Erst vor
einigen Wochen war ein US-amerikanischer Patient während einer Gentherapie
gestorben. Der Mann, der an einer erblichen Lebererkrankung litt, erhielt
das korrekte Gen verpackt in Adenoviren. Ob der Patient an den Folgen einer
überschießenden Immunreaktion auf die Viren oder an andere Ursachen
gestorben ist, soll Anfang Dezember bekannt gegeben werden.
Inzwischen arbeiten die Forscher mit Hochdruck an der Entwicklung anderer
Genfähren, etwa entschärfte Herpes-Viren, nicht-virale Fettkügelchen oder
gar "nackte" DNA. Auch die Adenoviren sind noch nicht ad acta gelegt. Die
Viren der sogenannten dritten Generation enthalten so gut wie keine
Virus-eigene DNA mehr und sind weniger Leber-toxisch als ihre Vorgänger, wie
Kochanek berichtete. Offensichtlich müssen die Forscher jedoch noch viel
über die Viren lernen, denn nicht nur die Erbinformation der Viren selber,
sondern auch die Art, Herkunft und Länge der Gene, die damit übertragen
werden sollen, spielen eine wichtige Rolle bei der Aufnahme in die
Körperzellen (Transduktion) und der Expression der Gene.
Sämtlichen Rückschlägen zum Trotz halten die Forscher die Gentherapie
insgesamt für eine vielversprechende Methode. Gänsbacher erinnerte in diesem
Zusammenhang an die Chemotherapie. Vor 40 Jahren sei das auch noch eine
unausgereifte Methode mit vielen Nebenwirkungen gewesen, bei der es auch
Todesfälle zu beklagen gab. Heute stelle die Chemotherapie keiner mehr in
Frage.
Christian Kalka von der Tuft University in Boston stellte Ergebnisse einer
Gentherapie bei Patienten mit Durchblutungsstörungen in den Beinen vor. Mit
einer Injektion brachten die Forscher die "nackte" Bauanleitung für den VEGF
genannten Wachstumsfaktor in die Beinmuskulatur der Patienten ein. Dort
wuchsen dann neue Blutgefäße. In einer ersten klinischen Studie wurde diese
Methode auch bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit "mit nachweisbaren
klinischen Effekten" erprobt, so Kalka. Jetzt seien Doppel-Blind-Versuche
geplant, um die Wirksamkeit der Methode zu dokumentieren.
[Quelle: Dr. Karin Hollricher]