"Meilenstein" und Dämpfer für die Genetik - Grenzen..

Deutsche Presse-Agentur
Mittwoch, 15. Dezember 1999 02:44:00 


Copyright dpa, 1999 

"Meilenstein" und Dämpfer für die Genetik - Grenzen des Wissens
Von Simone Humml, dpa 
Hamburg (dpa) - Auf einer Achterbahn zwischen Erfolg und
Enttäuschungen sind die Genforscher durch das Jahr gekommen. Der
erste entschlüsselte Erbgutträger des Menschen, das Chromosom 22,
erregte ebenso großes Interesse wie ein Todesfall bei einer
Gentherapie.
Astronomen gelangten fantastische Einblicke in ferne Teile des
Alls. Der Blick auf Sonnenfinsternis, Sternschnuppen und Mars war
jedoch von Wolken getrübt. Die Pharma-Industrie brachte zahlreiche
Produkte wie das Grippespray und die Abtreibungspille auf den
deutschen Markt. Dennoch trat im ausgehenden Jahrtausend die Kluft
zwischen Theorie und Praxis so deutlich wie selten hervor.
Als Meilenstein bezeichnete das Wissenschaftsjournal "Nature" die
Entschlüsslung des Erbguts auf dem Chromosom 22. Es ist das erste von
23 Chromosomen des Menschen, dessen Gensequenz im Humangenomprojekt
bis zum Jahr 2002 komplett aufgedeckt sein soll. Drei Prozent der
Bausteine auf Chromosom 22 blieben allerdings verborgen, weil ihre
Lage auf dem Erbgutträger ein Entschlüsseln noch nicht erlaubt.
Ein Rückschlag in der Gentherapie war der Tod eines 18-Jährigen
dessen Körper in abgeschwächten Erkältungsviren neue Gene
transportiert hatte. Die US-Arzneimittelbehörde sah Mitte Dezember in
dieser Behandlung zwar nicht die direkte Todesursache, kritisierte
aber, dass der Mann mit seiner Vorerkrankung überhaupt derart
therapiert wurde. Generell räumen Mediziner der seit neun Jahren am
Menschen erprobten Gentherapie größte Zukunftschancen ein. Nur ist
sie eben viel komplizierter, als euphorische Forscher zunächst
dachten.
Pflanzen-Genetiker bauten in Deutschland erstmals gentechnisch
veränderten Wein an. Er ist gegen Schädlinge resistent. Zugleich
sorgten in diesem Jahr Versuche mit dem gentechnisch veränderten,
ebenfalls schädlingsresistenten Bt-Mais für Schlagzeilen: Raupen des
Monarchfalters verkümmerten, nachdem sie Bt-Maispollen gefressen
hatten. Außerdem entlässt der Mais sein Gift in den Boden.
Die Raumfahrt verzeichnete gleich zwei Rückschläge beim Anflug zum
Mars. Im September verscholl die Raumsonde Mars Climate Orbiter, die
das Klima auf unserem Nachbarplaneten erforschen sollte. Die
Techniker hatten englische und metrische Maßeinheiten verwechselt.
Drei Monate später verschwand der Mars Polar Lander, der den Boden
des roten Planeten erkunden sollte. Europas größter
Wissenschaftssatellit mit dem Röntgen-Observatorium XMM hat dagegen
Anfang Dezember bereits kurz nach dem Start erste Signale gesendet.
Auch Hobbyastronomen hatten in diesem Jahr vielfach Pech: Die
Wolken gaben zur letzten Sonnenfinsternis dieses Jahrtausends nur in
Teilen Deutschlands den Blick frei. Der zweitgrößte
Sternschnuppenstrom dieses Jahrhunderts, die Leoniden im November,
waren sogar nur im äußersten Norden des Landes zu sehen.
Mehr Glück hatten Astronomen dagegen beim Blick ins weiter
entfernte All. Mit dem reparaturbedürftigen Hubble-Teleskop erspähten
sie eine Galaxie, die etwa 14 Milliarden Lichtjahre entfernt ist,
weiter als jede andere bekannte Sternenansammlung. Die Zahl der
entdeckten Planeten außerhalb des Sonnensystems stieg auf rund 30.
Auf ein erfolgreiches Jahr können auch Ärzte und Pharma-Industrie
zurückblicken. Ein 67 Jahre alter Mann erhielt im deutschen
Herzzentrum Bad Oyenhausen weltweit erstmals ein vollimplantierbares
Kunstherz. Das System zur Unterstützung der linken Herzkammer
benötigt keine Kabel mehr für die Stromversorgung.
Als erstes Grippespray, das Viren direkt angreift, kam Relenza mit
dem Wirkstoff Zanamivir im Oktober in die Apothekenregale. Nach
jahrzehntelanger Diskussion ist die umstrittene Abtreibungspille
Mifegyne in Deutschland erhältlich, die als medizinisch weniger
belastend als ein chirurgischer Eingriff gilt. Seit November wird mit
Vioxx eine neue Klasse von Rheumamitteln verkauft. Diese Cox-2-Hemmer
sollen den Magen nicht schädigen.
Physiker stellten 1999 die chemischen Elemente 114, 116 und 118
her. Die deutsche Biologin Heide Schulz entdeckte an der Küste
Namibias das mit 0,75 Millimeter Durchmesser größte Bakterium.
Forscher der Universität Sydney fanden Spuren von 2,7 Milliarden
Jahren alten höheren Lebewesen. Damit sind die Organismen mit
Zellkern schon eine Milliarde Jahre früher entstanden als zuvor
angenommen.
dpa hu yy ra


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