Quelle: Der Tagesspiegel
vom 15. Dezember 1999 
Ein Toter für die Forschung 
Das erste Gentherapie-Opfer hätte wahrscheinlich vermieden werden können 

(Kommentar) 
Alexander S. Kekulé

Als sich Jesse Gelsinger in die Uniklinik in Philadelphia begab, fühlte er sich 
pudelwohl. Der 18-Jährige aus Arizona hatte sich in dem Supermarkt, in dem er 
arbeitete, unbezahlten Urlaub genommen, um freiwillig an einer Studie des 
berühmten Gentherapeuten James Wilson teilzunehmen. Er wusste, dass seine 
seltene Erbkrankheit, die er mit Diät gut unter Kontrolle hatte, durch das 
Experiment nicht therapiert werden sollte. Aber durch seine Mithilfe würde man 
in naher Zukunft den Babys helfen können, die an einer schwereren Form des 
selben Leidens qualvoll sterben müssen. 
Am 17. September, vier Tage nachdem ihm einige Billionen gentechnisch 
veränderter Viren in die Leber infundiert wurden, lag er selbst im Sterben. 
Durch eine unkontrollierbare Immunreaktion erstarrte sein Blut zu Gelee und 
verstopfte die Gefäße. Kurz darauf versagten Leber, Nieren, Lunge und Gehirn. 
Die seltene Reaktion war den Wissenschaftlern nicht unbekannt, wie sich 
vergangene Woche bei der Vorlage des offiziellen Untersuchungsberichtes 
herausstellte: In Versuchen mit einem ähnlichen Virus waren Affen auf genau die 
gleiche Weise zugrunde gegangen. 

Jesse Gelsinger wusste davon nichts, da die Gentherapeuten den entsprechenden 
Hinweis aus der Einverständniserklärung gestrichen hatten. Er war für die Studie 
besonders interessant, weil er an einer milden Form des erblichen Leberschadens 
Ornithin-Transcarbamylase-Defizienz (OTC-Defizienz) litt. Bei schwer betroffenen 
Neugeborenen führt der Stoffwechseldefekt durch Anhäufung von giftigem Ammoniak 
zum Tode. Die Wissenschaftler wollten mit dem Experiment ein Adenovirus testen, 
in das sie ein intaktes OTC-Gen eingesetzt hatten, um damit vielleicht einmal 
den tödlichen Erbfehler korrigieren zu können. Da bekannt war, dass Adenoviren 
vehemente Immunreaktionen und Leberentzündungen auslösen können, sollte an 
Gelsinger untersucht werden, wie eine geschwächte Leber mit der Virusattacke 
fertig wird. 

Wie sich jetzt herausstellte, lagen seine Leberwerte bereits vor Beginn des 
Experiments außerhalb des für die Studie zugelassenen Bereiches. Auch hatten 
zuvor zwei andere Probanden auf wesentlich geringere Virusmengen mit schweren 
Leberentzündungen reagiert. Bei vorschriftsmäßiger Meldung an die 
Aufsichtsbehörde FDA wäre die Studie, die von Anfang an ethisch umstritten war, 
wahrscheinlich abgebrochen worden. Dies ist jedoch nicht geschehen. 

Durch den ersten Todesfall der Gentherapie ist auch die staatliche Überwachung 
in die Kritik geraten. Während früher das nationale Gesundheitsinstitut (NIH) 
zuständig war, das alle gemeldeten Komplikationen sofort veröffentlicht, wurden 
auf Druck der Biotech-Industrie die Kompetenzen zunehmend zur 
Arzneimittelaufsicht FDA verlagert - diese behandelt Nebenwirkungen bis zur 
Zulassung als Betriebsgeheimnisse des Herstellers. So wurde erst im November 
durch Recherchen der Washington Post bekannt, dass es bereits früher sechs Tote 
bei Gen-Experimenten
gegeben hat. Die beteiligten Firmen hatten nicht an das NIH 
gemeldet, da sie keinen "ursächlichen Zusammenhang" mit der Gentherapie sahen. 
Dieser wird aber oft erst durch Veröffentlichung von Zwischenfällen bei 
ähnlichen Studien deutlich: Erst nach dem Todesfall von Philadelphia gab der 
Pharmahersteller Schering-Plough gravierende Nebenwirkungen bei einem früheren 
Adenovirus-Experiment bekannt. 

Die Gentherapie, die trotz Versuchen an mehr als 3000 Patienten seit 1990 keine 
überzeugenden Heilungserfolge vorzuweisen hat,
ist zunehmend unter Druck 
geraten. So wäre der äußerst seltene OTC-Defekt, der nur einmal pro 40 000 
Geburten auftritt, den enormen Forschungsaufwand wohl kaum wert. Er gilt aber 
als ideales Beispiel, um zu beweisen, dass das Prinzip der Gentherapie 
grundsätzlich funktionieren kann. Dass dafür ausgerechnet ein beinahe Gesunder 
sterben musste, wird die Kritiker bestärken. Doch "um oben zu bleiben", so der 
Leiter des missglückten Philadelphia-Experiments, "muss man an der vordersten 
Front mitmachen und Risiken eingehen". 


Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der 
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 


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