Sloterdijk gegen "Monsterfurcht" bei Embryonen-Pate..

Deutsche Presse-Agentur
Mittwoch, 23. Februar 2000 05:00:00 


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Sloterdijk gegen "Monsterfurcht" bei Embryonen-Patent 
Karlsruhe (dpa) - Die Vergabe eines Patents auf gentechnisch
veränderte menschliche Embryozellen ist nach Ansicht des Karlsruher
Philosophen Peter Sloterdijk die "logische Fortsetzung unserer
Zivilisationsgeschichte". Wenn sich die bestehende "Monsterfurcht"
und die Sorge um eine neue "Gensklaverei" ausräumen ließen, könne man
mit größerer Ruhe auf die Entwicklung der Gentechnik schauen, sagte
er in einem dpa-Gespräch. Er sprach sich für einen "wohltemperierten
Kompromiss" mit der Gentechnik aus.
Der Philosoph sieht die Menschheit in einer Entscheidungsphase.
"Der Dammbruch wurde aber schon vollzogen, als im 15. Jahrhundert
Anatomen begannen, den Körper nicht mehr als Tempel des Heiligen
Geistes anzusehen, sondern als Maschine, die in Teile zerlegbar ist."
Für Maschinen könne man Patente vergeben. Wenn nun das Europäische
Patentamt ein Patent auf ein Verfahren zur Gen-Manipulation
menschlicher Stammzellen und Embryonen erteilt habe, so sei dies in
der traditionellen europäischen Wissenschaftskultur angelegt.
Sloterdijk: "Was ist der Körper nach dieser Auffassung, wenn nicht
eine von der Natur gebaute Maschine?" Gene seien lediglich eine Art
von Eiweiß-Schreibmaschine.
Tiere und Pflanzen, aber auch Menschen sind laut Sloterdijk - wenn
auch unbewusst - schon immer "gezüchtet" worden; letztere vor allem
durch die Wirkung von Heiratsregeln, selektiven Erziehungssystemen
oder durch Kindersterblichkeit. "Wir sind die erste oder vielleicht
die zweite Generation der Menschheitsgeschichte, die sich die
Illusion einer völligen Abwesenheit von Selektion leisten konnte."
Dies sei auch der Hintergrund der heftigen Reaktionen, die seine Rede
"Regeln für den Menschenpark" ausgelöst habe. Seine Ausführungen über
Möglichkeiten und Gefahren von Menschenzucht im Biotechnik-Zeitalter
hatten im vergangenen Herbst für heftige Reaktionen gesorgt.
"Das Problem heute ist, dass für genetische Innovationen die
Bewährungsfrist wegfällt", meint Sloterdijk. Alle bisherigen
historischen Züchtungsprodukte seien einer harten Bewährungsprobe
ausgesetzt gewesen. Was sich über lange Zeit durchgesetzt habe,
konnte als bewährt gelten. "Das Gefährliche ist, dass wir heute so
darauf los fabrizieren können." Der Mensch habe mit der neuen Technik
unmittelbaren Zugang zur Schöpfung bekommen. Der über Jahrhunderte
gehende "Existenztest" entfalle. "Viel stärker als früher stehen die
Züchter deshalb im Verdacht, heute Monsterproduktion zu betreiben."
Das Europäische Patentamt hatte die Erteilung des Patents auf
gentechnisch veränderte menschliche Embryozellen am Montag als Fehler
bedauert.
dpa sk il yy hu


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