Der entschlüsselte Mensch - Chancen und Risiken der..
Deutsche Presse-Agentur
Donnerstag, 30. März 2000 01:47:00
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Der entschlüsselte Mensch - Chancen und Risiken der Gentechnik
Von Simone Humml und Anette Hornung, dpa
Hamburg (dpa) - Der genetisch durchleuchtete Arbeitnehmer, das
Baby mit Intelligenz-Genen von Albert Einstein und schließlich die
Erschaffung eines Menschen wie in der "Rocky Horror Picture Show" -
beim Schlagwort Gentechnik blüht die Fantasie der Autoren auf. Viele
Wissenschaftler bezweifeln dagegen, dass es jemals dazu kommen kann,
und auch bis zum medizinischen Nutzen ist es noch ein langer Weg.
Wenn ein internationaler Zusammenschluss staatlicher Forscher in
diesem Frühjahr eine grobe Skizze von 90 Prozent des menschlichen
Erbgutes präsentiert, kennen die Teams nicht viel mehr als die
Buchstaben eines Textes in fremder Sprache. Viele Vokabeln sind schon
bekannt: etwa Gene für Erbkrankheiten oder ein erhöhtes
Brustkrebsrisiko. Im Wettlauf mit Biotech-Firmen suchen die Forscher
des "Human-Genom-Projektes" nun aus einer langen Reihe von
Erbgutsbausteinen die insgesamt rund 100 000 Gene, ermitteln ihre
Funktion und erforschen das Zusammenspiel der darin codierten
Eiweiße. Und selbst mit dem Wissen um Krankheiten auslösende Gene ist
ein gentechnischer Eingriff oder gar eine Heilung noch weit entfernt.
Zwischen Hoffnung und Skepsis schwanken die Selbsthilfe-Verbände
derjenigen Erbkranken, deren Krankheitsursachen bereits seit Jahren
bekannt sind. Vor allem die Gentherapie, bei der neue Gene in
Körperzellen eingeschleust werden, sehen unter anderem Verbände von
Menschen mit Bluterkrankheit oder Veitstanz (Huntington) positiv. Ein
Mukoviszidose-Kranker, bei dem Lunge und Bauchspeicheldrüse zunehmend
verkleben, habe nur mit der Gentherapie Aussicht auf anhaltende
Heilung, glaubt auch die Biochemikerin Cordula Harter vom
Mukoviszidose e.V.. Mit einem Durchbruch sei in den nächsten zehn
Jahren jedoch nicht zu rechnen.
Die Keimbahntherapie stößt derzeit dagegen auf Skepsis. "An
Keimzellen sollte man nicht manipulieren, weil es sich auch auf alle
Nachkommen auswirkt", sagte Harter. Der Vorstand der Deutschen
Huntington-Hilfe, Georg Hirschler, lehnt dies ebenfalls ab: "Das
führt zu 100-Prozent-Menschen, von Menschendesignern erschaffen."
Auch Helma Gusseck vom Verband der Menschen mit Netzhautdegeneration
(Retinitis pigmentosa), Pro Retina, ist dagegen: "Wir müssen nicht
alles perfekt und unsere Krankheit ausgemerzt haben. Wenn man sie in
den Griff bekommt, lehrt das Leben mit einer Behinderung sehr viel."
Zudem berge der Erbgut-Eingriff zu viele Missbrauchsmöglichkeiten.
Das Auftreten von Krankheiten, die auf einem einzelnen Gendefekt
beruhen, ist relativ sicher vorhersagbar, sobald man das Gen dafür
kennt. Wesentlich schwieriger werden Vorhersage und Heilung bei
Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Schwäche oder psychischen
Leiden. "Einen Ausbruch von Krankheiten mit mehreren genetischen und
sonstigen Auslösern genau vorherzusagen, dass dauert sicherlich noch
lange und es ist ungewiss, ob es überhaupt gelingt", sagte Prof.
Eberhard Schwinger von der Universität Lübeck.
Dennoch gibt es auch für diese multifaktoriellen Krankheiten einen
medizinischen Nutzen: "Wenn man die Gene kennt, dann kann man die
Therapie individualisieren", sagte Stefan Wiemann, einer der
Koordinatoren im Deutschen Human-Genom-Projekt. Das Ziel seien
Medikamente, die auf die Gene des Menschen abgestimmt sind. Mit Hilfe
der Gene wollen die Ärzte erkennen, ob ein Patient resistent ist
gegen bestimmte Medikamente oder ob sie besonders gut wirken.
Missbrauchsmöglichkeiten sieht der Wissenschaftler vom Deutschen
Krebsforschungzentrum (Heidelberg) vor allem durch Arbeitgeber und
private Versicherungen. Da sei der Gesetzgeber gefragt. Auch in der
vorgeburtlichen Diagnostik liege eine Gefahr: "In China werden schon
heute Mädchen abgetrieben."
In Deutschland gibt es zwar strenge gesetzliche Regeln, doch etwa
in den USA darf beispielsweise schon mit Embryostammzellen geforscht
werden. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein veränderter aus
Stammzellen gezogener Embryo in den Mutterleib eingepflanzt wird",
glaubt Wiemann. "Der Gesetzgeber muss in der Richtung weit
vorausschauend denken." Das Embryonenschutzgesetz in Deutschland sei
schon ziemlich gut. Der Gesetzgeber in Deutschland müsse jedoch stark
genug sein, sich gegen internationale Strömungen zu wehren, die
entsprechende Gesetze aufweichen wollen.
Am 24. März hat der Bundestag die lange geforderte Bioethik-
Kommission eingesetzt, die Empfehlungen zum Umgang mit den
medizinischen Fortschritt erarbeiten soll. Viele Horrorszenarien
werden jedoch nach Meinung von Experten auch in Zukunft nicht möglich
sein: "Die Intelligenz ist das Komplexeste, was man sich vorstellen
kann", sagt Schwinger. "Da eine Vorhersage zu treffen, ist bar jeder
Grundlage."
dpa hu/ah yyzz mk