Der Tages-Anzeiger am Freitag, 12.1.2001 


Gentechnik: Weitere Grenze überschritten 

US-Forscher machen auch vor Affen nicht Halt. Kuerzlich wurde in einem Labor der
erste Primat mit einem fremden Gen geboren. 

Von Anke Fossgreen 

"ANDi" ist kerngesund, ein lebhafter und munterer Geselle, der ausgelassen mit seinen
Mitbewohnern spielt. Das bestaetigt Gerald Schatten vom Primatenforschungsinstitut Oregon der
Universitaet in Portland in der heutigen Ausgabe der Fachzeitschrift "Science". Der kleine
Rhesusaffe erblickte am 2. Oktober 2000 das Licht der Welt und ist schon jetzt eine
Beruehmtheit: Er ist der erste nicht menschliche Primat, der ein fremdes Gen traegt. 

Sein ungewoehnlicher Name ANDi leitet sich ab vom rueckwaerts gelesenen "inserted DNA", dem
fremden Erbgut, das er in sich traegt. 

Einer aus 40 

Gerald Schatten und sein Team manipulierten zunaechst 224 Eizellen von Affen. Mit Hilfe eines
Virus, das wie bei einer Gentherapie lediglich als "Gen-Transporter" diente, schleusten die
Forscher das fremde Gen in die Eizellen ein. So veraendert, wurden diese dann im Reagenzglas
mit Affensperma befruchtet, und heraus kamen 40 Embryos, die spaeter nur in fuenf Faellen zu
einer Schwangerschaft fuehrten. Drei Neugeborene ueberlebten. Aber nur bei ANDi hat die
Methode funktioniert: Er traegt das fremde Gen in jeder seiner Koerperzellen. 

Diese Technik wurde bisher nur bei typischen Labortieren wie Maeusen oder Nutztieren
angewendet. Wissenschaftlern ist es auf diese Weise gelungen, Proteine fuer die
Pharmaindustrie zu produzieren. Jetzt wird der naechste Verwandte des Menschen benutzt, um
Wissensluecken zu schliessen. Denn Ergebnisse mit Maeusen als Versuchstieren lassen sich oft
nicht auf den Menschen uebertragen. 

Euphorie und Bedenken 

Gerald Schatten ist voller Euphorie: "Wir koennen mit dieser Methode zum Beispiel ein
Alzheimer-Gen einsetzen, um so einen Impfstoff gegen diese Krankheit zu entwickeln." 

Mit ANDi ist nun allerdings auch eine Grenze ueberschritten, vor der Gentechnikgegner bereits
gewarnt hatten. Denn mit ANDis Geburt zeigt sich, dass diese Methode theoretisch auch beim
Menschen funktionieren wuerde.


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