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Kekulés Kolumne: Geschenkter Gaul
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Der gentechnisch hergestellte "Goldene Reis" ist feierlich der
Dritten Welt übergeben worden. Ausreichend getestet wurden die
risikoreichen Goldkörner allerdings nicht.


Von Alexander S. Kekulé 


Der stärkste Antrieb der Wissenschaft ist wahrscheinlich die
Überzeugung der Forscher, der guten Sache zu dienen. Zwei besonders
überzeugte Wissenschaftler haben Ende voriger Woche ein Geschenk
übergeben, das einer besonders guten Sache dienen soll: der
Bekämpfung der Not in der Dritten Welt.

Die beiden deutschen Pflanzenforscher Ingo Potrykus, der bis vor
kurzem an der ETH Zürich lehrte, und Peter Beyer von der Universität
Freiburg überreichten ihren gentechnisch hergestellten "Goldenen
Reis" feierlich an das Internationale Reisforschungsinstitut der
Philippinen, stellvertretend für alle notleidenden Entwicklungsländer
der Erde.

Die Reispflanze mit dem goldgelben Korn, Frucht von acht Jahren
Forschungsarbeit, enthält Beta-Karotin, das im menschlichen Körper zu
Vitamin A umgewandelt wird. Durch den gentechnisch eingebauten
Karotten-Farbstoff soll die nachwachsende Vitaminpille den
schätzungsweise 124 Millionen Kindern helfen, die weltweit an
Vitamin-A-Mangel leiden. Durch schlechte Ernährung erblinden Jahr für
Jahr etwa eine halbe Million Kinder, mehr als eine Million sterben an
den Folgen des geschwächten Immunsystems.

Damit der Goldene Reis denjenigen zugute kommt, die ihn am
dringendsten benötigen, haben Potrykus und Beyer einen einmaligen
Deal mit der Agro-Industrie ausgehandelt. Bereits im vergangenen Mai
übertrugen sie die exklusiven Vermarktungsrechte an AstraZeneca,
deren Agro-Division inzwischen zum weltweit größten grünen
Gentechnik-Konzern Syngenta gehört.

Wichtigste Bedingung: Bauern in den Entwicklungsländern bekommen das
Hightech-Saatgut umsonst, sofern sie damit nicht über 10.000 Dollar
im Jahr verdienen - eine Grenze, die weit über dem üblichen
Jahreseinkommen in den betroffenen Regionen liegt. Um trotzdem an den
Goldkörnern zu verdienen, will Syngenta aus ihnen
Vitamin-angereicherten Edelreis für die wohlhabenden Länder
entwickeln: Dem gentechnisch getunten "Functional Food", das sogar
aus fettigen Kartoffelchips reine Gesundheitskost machen soll, wird
ein riesiger Markt vorhergesagt.

Gegner der grünen Gentechnik, darunter auch kritische Institute in
den beschenkten Entwicklungsländern, sehen in dem Vitaminreis
allerdings ein Trojanisches Pferd, mit dem weiteres
"Frankenstein-Food" auf die Felder geschleust werden soll. Sie halten
Potrykus und Beyer für Erfüllungsgehilfen der Agro-Konzerne, weil sie
mit Steuergeldern finanzierte Forschungsergebnisse an AstraZeneca
verkauft haben.

Anstatt Millionen in die Entwicklung von Gentech-Food zu investieren,
sollte, so die Kritiker, die Ernährung auf ungeschälten Reis
umgestellt werden, dessen Silberhäutchen von Natur aus Beta-Karotin
enthält: Der Vitamin-A-Mangel entsteht dadurch, dass weißer Reis,
dessen poliertes Korn kaum Vitamine enthält, in vielen armen Ländern
fast das einzige Nahrungsmittel ist.

Davon abgesehen verursacht die einseitige Reis-Ernährung gleichzeitig
Vitamin-B-, Jod- und Eisenmangel. Insbesondere der zu Blutarmut und
Immunschwäche führende Eisenmangel stellt mit etwa zwei Milliarden
Betroffenen ein viel größeres Problem als der Vitamin-A-Mangel dar.
Kritiker befürchten, dass die Verbreitung des "Goldenen Reis" die
dringend erforderliche Umstellung von der Reis-Monokultur auf eine
abwechslungsreichere Ernährung zusätzlich erschweren würde.

Auch Gentechnik-freundliche Wissenschaftler stimmt die Tatsache
nachdenklich, dass der "Goldene Reis" bisher fast ausschließlich in
Potrykus' einbruchsicherem Züricher Treibhaus getestet wurde. Um ihn
landwirtschaftlich zu nutzen, muss er mit natürlichen Sorten gekreuzt
und im Freilandversuch auf Risiken untersucht werden.

Die Gentechnik-Gesetze der Schweiz, der EU-Staaten oder einiger
Schwellenländer wie Brasilien machen solche Versuche nicht gerade
leicht. Durch die Weitergabe ihres Prototypen an die
Entwicklungsländer haben Potrykus und Beyer jetzt zumindest eines
sichergestellt: dass ihre Pflanzen-Schöpfung eines Tages auf die
Felder kommen wird - zweifellos in der untadeligen Überzeugung, der
guten Sache zu dienen.

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(C) SPIEGEL ONLINE - 23. Januar 2001, 19:26

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http://www.spiegel.de/wissenschaft/0,1518,113699,00.html 


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