Schweiz: Tages-Anzeiger, Ausgabe vom 08.02.97

Glauben müssen Sie, nur glauben

Geheimnisvolle Sojabohne

VON URS BUESS

Das EDI, das Departement von Ruth Dreifuss, hat am Freitag bestätigt, daß Lebensmittel aus gentechnisch veränderter Soja - sogenannte GVO-Lebensmittel - weiterhin nicht in die Schweiz eingeführt werden dürfen. Dies, weil verschiedene Personen in einer Verwaltungsbeschwerde verlangt haben, daß vor einer Freigabe die Gesundheitsrisiken umfassend abgeklärt werden.

Gleichzeitig wird im EVD, dem für Landwirtschaft zuständigen Departement von Jean-Pascal Delamuraz, versichert, Futtermittel mit gentechnisch veränderter Soja könnten nach wie vor verfüttert werden. Dies, obwohl eine Person eine Verwaltungsbeschwerde in gleicher Sache eingereicht hat.

Falsch wäre nun zu glauben, in Bern traue man dem Rindvieh höhere Gesundheitsrisiken zu als dem Menschen. Der unterschiedliche Umgang mit Lebensmitteln einerseits und Futtermitteln andererseits hat andere Gründe, wie der stellvertretende EDI-Generalsekretär Bruno Ferrari erklärt.

Verunsichert genug
Psychologische vor allem. Es könnte nämlich der Verdacht aufkommen, es sei
etwas unklar, wenn eine plötzlich auftauchende Beschwerde bewirke, daß genverändertes Futtermittel aus dem Verkehr gezogen wird. Die Konsumenten würden verunsichert, sagt Herr Ferrari, und fügt bei, das seien sie doch schon genug.

Deshalb bleiben GVO-Futtermittel so lange im Verkehr, bis die Bundesverwaltung allenfalls zum Schluß kommt, sie seien doch nicht unbedenklich. Doch dies wird dem Vernehmen nach kaum der Fall sein. Eher ist davon auszugehen, daß die veränderte Sojabohne im Laufe des Monats März endgültig auch als unbedenklich für den Menschen eingeschätzt und als Nahrungsmittel freigegeben wird.

Verzweifelt versuchen Gegnerinnen und Gegner genveränderter Produkte vor der Freigabe noch auf mögliche Gefahren hinzuweisen. Auch der TA berichtete, wie Frauengruppen sowie die Arbeitsgemeinschaft Gentechnologie Anfang Woche Befürchtungen zum Ausdruck gebracht haben, die umstrittene Roundup-Sojabohne produziere grosse Mengen Phyto-Östrogene, wenn sie mit Roundup-Unkrautvertilger behandelt werde. Dies könne Störungen im Hormonhaushalt oder Brustkrebs verursachen. Sie begründen ihre Befürchtung mit Resultaten deutscher Experimente an der Saubohne.

Vertrauliche Sache
Solcherlei Protest missfällt der Herstellerin von Roundup-Soja, der Firma
Monsanto. Der für die Schweiz zuständige Pressemann Alexander Filz wurde vorstellig und diktierte dem Journalisten in die Feder, Experimente hätten gezeigt, daß die Behauptung der Gentech-Skeptiker nicht stimme. Er faxte gar eine mehrseitige Studie nach, aus der aber vor allem hervorgeht, daß die Experimente nicht durchgeführt wurden. Angesprochen darauf, versichert er, daß sie sehr wohl stattgefunden hätten. Die Studie sei aber geheim und müsse vor Presse und Gentech-Gegnern ferngehalten werden. Nur das Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) habe sie erhalten, vertraulich.

Sehr vertraulich sogar: Dem BAG ist untersagt, auf die Frage einzugehen, ob die Östrogen-Befürchtungen der Skeptiker berechtigt oder grundlos seien.

Alexander Filz findet das in Ordnung. Er bürge schliesslich für die gesundheitliche Unbedenklichkeit: "Glauben müssen Sie, nur glauben."


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