in: Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 20 (16.05.1997), Seite A-1332
POLITIK: Medizinreport
Bei amerikanischen Farmern ist die Monsanto-Sojabohne ein Verkaufsschlager.
Nachdem die meisten US-Bauern mit dem Profit zufrieden waren, den ihnen
die neue Sorte im letzten Jahr gebracht hat, war das Saatgut 1997 schnell
vergriffen. Monsanto schätzt, daß dieses Jahr etwa vier Millionen Hektar
mit der roundup-resistenten Züchtung bepflanzt werden - ein Gebiet von
der Größe Nordrhein-Westfalens. Letztes Jahr waren es nicht einmal 500
000 Hektar.
Dieser Zuwachs auf zehn bis 15 Prozent der gesamten amerikanischen
Sojaernte bringt die europäische Lebensmittelindustrie freilich in eine
arge Klemme. Auf der einen Seite sieht sie sich unverändert der Abneigung
der Verbraucher ausgesetzt. Auf der anderen Seite wird es aus den marktbeherrschenden
USA praktisch keine gentechnikfreie Soja-Ware mehr geben, sollten die Bohnen
wie letztes Jahr mit den herkömmlichen Sorten vermischt werden.
Anwendung von Soja-Lecithin vertuscht
In aller Eile versuchen bereits einige Firmen, Soja-Zutaten in ihren Rezepturen durch Alternativen zu ersetzen. Denn dank der sensiblen Nachweismethoden für die Gentechnikbohne gibt es kaum Hoffnung, ihre Verwendung vertuschen zu können. Diese unangenehme Erfahrung hat der Toblerone-Hersteller KraftJacobs-Suchard bereits Ende März machen müssen. Weil einem Labor der Nachweis gelang, daß in der Schokolade trotz gegenteiliger Beteuerungen Soja-Lecithin aus den Monsanto-Bohnen verwendet worden war, mußte der Konzern zur Schadensbegrenzung über 200 Tonnen aus dem Handel zurückrufen.
In ihren Bemühungen, zumindest eine sinnvolle Kennzeichnung von Gentechnik-Lebensmitteln durchzusetzen (siehe Spektrum/Akut), geht es den Verbraucherverbänden keineswegs darum, die Produkte mit Warnhinweisen zu brandmarken. Das wäre schon deshalb sinnlos, weil bereits jetzt Produkte der Gentechnik in vielen Lebensmitteln enthalten sind. Vor allem zu den von Mikroorganismen hergestellen Enzymen, die etwa in Brot, Käse und Obstsäften zu finden sind, gibt es oft keine Alternative mehr. Wenn man alle Produkte zusammennimmt, in denen Mais, Soja und Enzyme enthalten sind, dann könnte die Gentechnik bereits dieses Jahr in der Produktion von 80 Prozent der Nahrungsmittel eine Rolle spielen.
Im Gegensatz zu den Verbraucher-Vereinigungen fordern Umweltschützer wie "Greenpeace" völligen Verzicht auf den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft. Ihre Argumentation stützt sich nicht hauptsächlich auf gesundheitliche Risiken; vielmehr konzentriert sich die Umweltgruppe auf die ökologischen Auswirkungen. Immerhin hat sie den Kampf für eine "nachhaltige, chemiefreie Landwirtschaft" auf ihre Fahnen geschrieben. Für Dieke Bobbink, Gentechnik-Campaignerin von Greenpeace Hamburg, ist "die Idee, Pflanzen an Herbizide anzupassen, einfach das falsche Signal". Die bislang eingeführten Sorten zeigten, daß der Trend zu chemieabhängigen Monokulturen nur noch verstärkt würde. Hier prallt allerdings Ansicht auf Ansicht. So glaubt Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers, gerade wegen der Sicherung der landwirtschaftlichen Erträge, nicht auf die grüne Gentechnik verzichten zu können. "Die Gentechnik bietet keine Wundermittel, aber es verbietet sich, die mit ihr verbundenen Chancen grundsätzlich auszuschließen", ist der Minister überzeugt.
Für Greenpeace stehen indes die Risiken im Vordergrund. Doch die können im Einzelfall sehr unterschiedlich ausfallen. Sollte beispielsweise die in Soja eingebrachte Herbizidresistenz auf Unkräuter "überwechseln", ist das vor allem ein Problem für Monsanto. Denn sobald Unkräuter die Round-up-Dusche ebenfalls überleben, wird kein Landwirt mehr das teure, aber sinnlos gewordene Saatgut der Firma kaufen wollen.
Kräfteverschiebung
Fundamentale Bedenken haben Ökologen hingegen bei Pflanzensorten, deren
"neue" Gene ihnen selbst oder wilden Verwandten auch außerhalb
eines Ackers Vorteile verschaffen könnten. So forscht die Saatgut-Industrie
an Pflanzensorten, die größere Kälte oder salzigere Böden aushalten. Auch
der Schutz gegen Fraßinsekten, den der Novartis-Mais aufweist, könnte einer
Wild-Pflanze einen Vorteil verschaffen, der das ökologische Kräfteverhältnis
verschiebt.
Doch gerade hinter dem Schutz vor Insektenfraß, den der Industriekonzern
Novartis in das Erbgut seiner MaisSorte eingefügt hat, verbirgt sich noch
ein weiterer Konflikt. Diese Mais-Sorte bildet ein Protein, das für bestimmte
Schädlinge ein tödliches Gift ist. Denselben Eiweißstoff verwenden auch
Ökobauern auf ihren Feldern. Bei Schädlingsbefall sprühen sie Bakterien,
die das insektentötende "Bt-Protein" bilden, zum Schutz auf ihre
Maispflanzen. Tatsächlich hat diese Verwendung die Gentechniker von Novartis
erst auf die Idee gebracht, das Bakterienprotein ihren Mais-Pflanzen einzufügen.
Der Chemiekonzern wisse sehr gut, sagt Dieke Bobbink, "daß die
flächendeckende Konfrontation der Insekten mit dem Gentech-Mais schnell
zu resistenten Schädlingen führen wird". Sollten diese Raupen auftreten,
dann werden sie aber auch von dem Bt-Spritzmittel der Ökobauern nicht mehr
unter Kontrolle gehalten werden können. Während die Konzerne dann die nächste
Pflanzensorte vermarkten, "haben sie ein Stück umweltverträglichen
Pflanzenschutzes im ökologischen Landbau kaputtgemacht", sieht Bobbink
voraus. Klaus Koch
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