dpa 01.07.97 13:45


Copyright dpa, 1997
Das hormongedopte US-Rind erreicht den europäischen Tellerrand Von Norbert Hahn, dpa

Genf (dpa) - Das achtjährige Importverbot der EU gegen hormonbehandeltes Fleisch aus den USA ist ein Handelshemmnis, das sich mit Gesundheitsbedenken nicht rechtfertigen läßt. So jedenfalls sehen es die Schiedsrichter der Welthandelsorganisation (WTO) in ihrem am Dienstag in Genf bekanntgewordenen Urteil.

Auch wenn die EU nun auf ihr Berufungsrecht pocht, ist das hormongedopte Rind dem europäischen Teller einen großen Schritt nähergekommen - und hat gleichzeitig die Richtung angegeben für eine ganze Reihe möglicher Handelsstreitfälle rund um die Nahrung aus dem Gen-Tech-Labor.

Schlechte Karten hatte die EU im Hormon-Streit schon deshalb, weil nicht einmal ihre eigenen Wissenschaftler die Gesundheitsheitsrisiken der fünf in den USA zugelassenen Masthormone klar benennen konnten. Doch der wissenschaftliche Nachweis ist nach den Bestimmungen des Welthandelsvertrages das einzig ausschlaggebende Kriterium für die Rechtmäßigkeit einseitiger Handelsbeschränkungen. Der Appell an den "vorbeugenden Verbraucherschutz", der etwa von der deutschen Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) ins Feld geführt wird, reicht den Handelsjuristen nicht.

"Das Problem ist die Wissenschaftsgläubigkeit", klagt AgV- Mitarbeiter Ernst-Michael Epstein. Nur Langzeitstudien könnten Aufschluß über eine mögliche Gefährdung geben: "Sie essen etwas und fallen tot um - so ist es eben nicht."

Die WTO-Schiedsrichter hatten schon in ihrem Zwischenbericht angedeutet, daß als Ausweg für den Verbraucher hormon-unbehandeltes Fleisch als solches gekennzeichnet werden könnte.

Daß sich das US-Landwirtschaftsministerium damit abfinden könnte, ist aber kaum denkbar. Die Verbraucher könnten sich vom US-Fleisch abwenden und sich noch stärker gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel wie Mais, Soja oder Kartoffeln wenden, auf die Exporteure und Industrie in den USA massiv setzen, fürchtet die Lobby. Allein in Biotechnologie für die Pflanzenproduktion sind Schätzungen zufolge bislang rund eine viertel Milliarde Dollar investiert worden.

Munition im hochpolitischen Streit um Exportchancen und Volksgesundheit suchen beide Seiten nun verstärkt bei der Weltgesundheits-Organisation (WHO), die gemeinsam mit der Welternährungs-Organisation (FAO) Empfehlungen für Lebensmittelzusätze herausgibt.

Vorschläge des Gremiums gelten als weltweit anerkannt, seine Bedeutung im Streit um "neue Lebensmittel" steigt. So hatte die "Codex Alimentarius-Kommission", in der Vertreter von Wissenschaft, Politik und Industrie aus rund 150 Staaten sitzen, vor zwei Jahren festgestellt, daß einige Wachstumshormone im Rindfleisch nicht schädlich sind, wenn sie gewisse Höchstgrenzen nicht übersteigen.

Bei der jüngsten Codex-Sitzung in Genf in der vergangenen Woche versuchte die USA gegen den Widerstand der EU vergeblich, das gentechnisch produzierte Rinder-Wachstumshormon Somatotropin (BST) für unbedenklich erklären zu lassen. Die Industrie preist BST als ideales Mittel, um die Milchproduktion einer Kuh zu erhöhen und so die Milchpreise zu senken.

Bis zur nächsten Sitzung der Kommission in zwei Jahren sollen sich nun die Fachleute erneut mit der Frage befassen, ob die "Turbo-Kuh" tatsächlich Gesundheitsrisiken für den Menschen in sich birgt.

Kein Wunder, daß der Leiter der US-Delegation, Thomas Billy, nach der Niederlage im Codex-Ausschuß klagte, die "Entscheidungen könnten die Last der Mitgliedstaaten bei Herausforderungen vor der WTO vergrößern".

Gelassen sieht derzeit nur die WTO dem sich abzeichnenden Streit der Wirtschaftblöcke um den reich gedeckten Gen-Tech-Tisch entgegen: Das Streitschlichtungssystem der WTO habe durchaus noch Reserven, wiegelte WTO-Sprecher Keith Rockwell in Genf ab. dpa ra


Übersicht