dpa 07.08.97 03:10
Copyright dpa, 1997
Noch steht die Anwendung der Gentherapie vor vielen Hürden
Von Gerald Mackenthun, dpa
Berlin (dpa) - Gentherapien gegen Erbleiden, gegen Krebs, gegen
Aids und gegen Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und
Bluthochdruck: Es scheint kein medizinisches Problem mehr zu
geben, das sich nicht auch an seiner genetischen Wurzel packen
ließe.
Das Schlagwort Gentherapie gilt inzwischen als Synonym für
Fortschritt und Machbarkeit in der Medizin. "Mit
Informationen heilen" könnte das Motto dieser seit kaum
zehn Jahren praktizierten Behandlungsmethode lauten.
Gene sind quasi die Informationsspeicher von Zellen, und mit den
richtigen Informationen lassen sich Zellen - zumindest
theoretisch - in scheinbar beliebiger Weise steuern.
Nach den Anweisungen der DNA-Erbinformation produzieren die
Zellen Proteine. Diese Eiweißstoffe dienen als molekulare
Steuerungselemente für Wachstum oder Tod von Zellen sowie den
Stoffwechsel des Körpers.
Dank der gewaltigen Fortschritte der Molekularbiologie in den
vergangenen Jahren läßt sich die Arbeitsweise schon vieler Gene
und Eiweiße recht präzise bestimmen. Gentherapie versucht in
dieses hochkomplexe molekulare System einzugreifen, um es mit
Informationen von Außen in eine "gesunde" neue
Richtung zu drängen.
In gut 160 Studien weltweit wurden bislang schätzungsweise 2 000
Patienten (meist zusätzlich zu herkömmlichen Verfahren) mit
gentechnischen Methoden behandelt.
Beispiel Erbkrankheit: Wer an
"Adenosin-Desaminase-Mangel" leidet, kann das Enzym
gleichen Namens nicht herstellen, weil das entsprechende Gen verändert
ist. Die weißen Blutkörperchen sterben ab, so daß die
Patienten Infektionen hilflos ausgeliefert sind.
1990 bestückten Mediziner am National Health Institute der USA
die verbliebenen weißen Blutkörperchen von zwei Mädchen mit
dem korrekten DNA-Bauplan des Enzyms und spritzten die Zellen zurück
in die Blutbahn.
Nach Aussagen der Forscher konnten die Kinder wieder ein relativ
normales Leben aufnehmen. Dieses Datum gilt als der Beginn der
somatischen Gentherapie in der Welt.
Beispiel Krebs: Hier sollen die entarteten Zellen nicht geheilt,
sondern vernichtet werden. Bei einem Experiment am Anderson
Cancer Center in Houston (Texas) 1994 an schwer
Lungenkrebskranken wurde das menschliche Gens p53 in das
Tumorgewebe eingeschleust.
Ist p53 geschädigt, kann es die Vermehrung kranker Zellen und
damit auch Krebs nicht verhindern. Verfügt die kranke Zelle
jedoch noch über intaktes p53, befiehlt dieses den Selbstmord
der kranken Zelle.
Beispiel chronische Krankheit: Die Universitätsklinik in
Pittsburgh (USA) berichtet von erfolgversprechenden Ergebnissen
einer ersten Gentherapie bei rheumatischer Arthritis. Die
Forscher hatten einer Frau mit chronischer Gelenkentzündung
Zellen aus der Gelenkhaut entnommen.
In die Zellen brachten sie ein Gen ein für ein anti-
arthritisches Eiweiß, genauer: für den Interleukin-1-Rezeptor-
Antagonisten. Das Eiweiß blockiert das Interleukin-1, das in der
Entstehung des Entzündungsprozesses eine Schlüsselrolle spielt.
Die veränderten Zellen wurden in Zellkultur vermehrt, dann in
das Gelenk der Patientin eingespritzt. Doch kaum einer der
Patienten ist dadurch wirklich geheilt.
Die Probleme sind noch zahlreich: So gelingt es noch nicht,
ausreichende Mengen der gewünschten Gene in die Zielzellen zu
transportieren.
Ein möglicher Ausweg ist, dem Patienten etwa Blutzellen zu
entnehmen, sie außerhalb des Körpers zu manipulieren und ihm
dann zurückzugeben.
Doch nur ein Bruchteil davon kommt an der richtigen Stelle im Körper
an. Zweites Problem ist die geringe Lebensdauer der genveränderten
Zellen; eine Wiederholung der Prozedur ist nötig.
Drittens ist die Frage, wie die gewünschten Gene auf "Gen-
Fähren" zuverlässig bis in den Tumor kommen, kaum
ansatzweise gelöst. Offensichtlich lassen sich Laborerfolge in
der Zellkultur und im Tierversuch nicht so ohne weiteres auf den
Menschen übertragen.
Welchen Stellenwert die Gentherapie einmal haben wird, läßt
sich noch nicht abschätzen. Vor kurzem noch war der Optimismus
grenzenlos, doch die Wissenschaftler sind vorsichtig geworden.
Es könnte sogar sein, daß in vielen Fällen die gleichen
Ergebnisse auf herkömmliche Art und durch vorbeugende Maßnahmen
erzielt werden können, das heißt auch ohne eine aufwendige
Gentherapie. dpa aj