Angst vor Gen-Raps: Ein Dorf probt den Aufstand gegen
US-Konzern
dpa 25.08.97 11:01
Copyright dpa, 1997
Angst vor Gen-Raps: Ein Dorf probt den Aufstand gegen US-Konzern
Von Jutta Steinhoff, dpa
Bebra-Iba (dpa) - Die Bürger des Örtchens Bebra-Iba an der
osthessischen Grenze nach Thüringen sind aufgewacht. Auf einem
der idyllischen Hügel rund um ihr Dorf soll Gen-Raps reifen -
und die Menschen sind entschlossen zum Kampf gegen den deutschen
Ableger des US-Konzerns Monsanto.
Die deutsche Niederlassung hat die nötigen Genehmigungen für
einen Freilandversuch mit gentechnisch verändertem Raps
eingeholt. Ein Landwirt hat dem Unternehmen seinen Acker
verpachtet - doch vor der fremden Saat inmitten des eigenen
Getreides hat die Gemeinde Angst.
"Was passiert, wenn ein Vogel von dem Gen-Raps pickt und die
Körner dann auf ein anderes Feld fallen läßt?", fragen
besorgte Einwohner des 650-Seelen-Ortes auf einer von Monsanto
einberufenen Informationsveranstaltung.
"Kann es dem Honig schaden, wenn meine Bienen den Nektar aus
den genmanipulierten Rapsblüten aufnehmen?". Für die
Wissenschaftler sind Sorgen wie diese kaum nachvollziehbar.
"Der Versuch stellt kein Risiko für Mensch und Tier
dar", wiederholen Monsanto-Vertreter Helmut Wagner und
Andreas Thierfelder gebetsmühlenartig. "Der Raps verhält
sich nicht anders als herkömmlicher - er ist nur immun gegen das
Pflanzenschutzmittel Roundup-ultra." Doch die Angst der Männer
und Frauen will nicht weichen.
Die Immunität der "Roundup-Ready-Raps"-Pflanze gegen
das von Monsanto hergestellte Totalherbizid steht im Mittelpunkt
der Versuche. Das Mittel tötet alle Grünpflanzen ab - es sei
denn, ihre Erbinformation ist künstlich verändert und
immunisiert. Monsanto will in Deutschland bis 1999 an insgesamt
19 Standorten Raps- Freilandversuche durchführen.
Die zuständigen Behörden haben grünes Licht gegeben. Insgesamt
gibt es an etwa 90 deutschen Standorten Versuche mit herbizid-
resistenten Pflanzen, darunter auch Mais und Zuckerrüben. Weil
Monsanto bereits eine Genehmigung für das deutsche Land
Brandenburg hat, gilt nach EU-Recht für weitere Standorte ein
vereinfachtes Genehmigungsverfahren - ohne Mitspracherecht der örtlichen
Behörden.
Auch die Abhängigkeit der Landwirte vom Hersteller stört die Bürger.
Wer "Roundup"-unempfindlichen Raps von Monsanto
pflanze, brauche auch das Herbizid des Unternehmens. Außerdem
befürchten die Bauern eine höhere Herbizid-Belastung des
Bodens.
Nach einer toxischen Bewertung der Umweltorganisation Greenpeace
kann der Hauptwirkstoff Glyphosat in "Roundup ultra"
entgegen der Zusicherung von Monsanto auch Mensch und Tier schädigen,
da er leicht mit ihrer Nahrungskette in Berührung kommen könne.
Monsanto entgegnet, daß der Wirkstoff seit 23 Jahren ohne
negative Erfahrungen am Markt sei.
Die gepachtete Fläche bei Iba beträgt laut Monsanto 5 000
Quadratmeter. Seit mehr als einer Woche harren jedoch auf dem
"Gen- Acker" zwischen sechs und acht Gegner Tag und
Nacht in Bauwagen und Umweltmobil aus. Sie sind fest
entschlossen, sich "notfalls vor die Saatmaschine zu
werfen", sagen sie.
Ihre Hoffnungen setzen die Gegner vor allem auf den Landwirt, der
das Land verpachtet. Er soll den Vertrag zurückziehen. "Wir
sind doch keine Chaoten oder Radikale - wir sind nur besorgte Bürgerinnen
und Bürger, die Angst haben um die Zukunft unserer Erde."
dpa ra