Wo der Gentech-Bauer nachts gut schlafen kann

Auf US-Äckern wachsen bald mehr veränderte als herkömmliche Pflanzen, und ein Handelskrieg mit der EU droht

Von Michael Emmrich (St. Louis)

Die Frau mit der schwarzen "Monsanto Star Performer"-Jacke heizt die Stimmung mächtig an. Ihr Job ist die Werbung und der Sinn der Übung: die neuen genveränderten Pflanzen unter die Leute zu bringen. Drei Rateteams kämpfen auf einer der größten Farmer-Messen im mittleren Westen der USA im Zelt des Unternehmens Monsanto um Preise und Ehre. "Die Biotechnologie spielt eine bedeutende Rolle in der Landwirtschaft, wer spielt eine herausragende Rolle in der US-Musik?" sprudelt die Frage hervor. Da stehen dann Frank Sinatra und Monsanto auf einer Stufe. Die Moderatorin zelebriert das Frage-und-Antwort-Spiel im Stile der bei den US-Amerikanern so überaus beliebten TV-Game-Shows.

Die Botschaft kommt an. Das Saatgut für die genveränderten Pflanzen wurde Monsanto nach eigenen Angaben förmlich aus den Händen gerissen. Nur die Hälfte der Orders konnte das Unternehmen aus St. Louis deshalb dieses Jahr befriedigen. Mehrere kleinere Saatgutfirmen, die ebenfalls Gentech-Saat anbieten, sollen für 1998 bereits ausverkauft sein.

Auch Dennis Wentworth, Soja-Bauer aus Heyworth im US-Bundesstaat Illinois, hat die Lektion begriffen. Schon jetzt sind 80 Prozent seiner Sojapflanzen gentechnisch verändert. 1998 wird es auf seinen Äckern gar kein konventionelles Soja mehr geben.

Und er ist kein Einzelfall. Denn dieses Jahr ist der Gentechnik in der US-Landwirtschaft der Durchbruch gelungen. Das bekommen auch die Europäer zu spüren.

Denn die Ernte hat begonnen, und in den nächsten Wochen werden vor allem genverändertes Soja und Mais erstmals in großen Mengen nach Europa verschifft und in rund 30 000 Lebensmitteln verarbeitet werden.

Doch wie Umfragen zeigen, mag darüber bei den Kunden auf dem alten Kontinent keine rechte Freude aufkommen. Grund genug für Monsanto, eine Gruppe europäischer Journalisten vor Ort von den Vorzügen der neuen Pflanzen überzeugen zu wollen. Denn die EU ist für die US-Agrarindustrie ein herausragender Markt. Zum Teil recht unverhohlen fallen deshalb auch die Drohungen von US-Behördenvertretern gegen die EU aus, die befürchten, daß eine Kennzeichnung der Produkte den US-Farmern Einbußen beschert. Monsanto Deutschland befürwortet jedoch die Kennzeichnung.

Die genveränderten Sojakeimlinge, denen das Pestizid "Roundup", das ebenfalls von Monsanto vertrieben wird, nichts mehr anhaben kann, wurden in den USA 1996 erstmals kommerziell angebaut. Von den 70 Millionen Tonnen, die 1997 in den USA geerntet werden, entfallen bis zu 15 Prozent auf die neuen Monsanto-Pflanzen. In den vergangenen Jahren gingen jeweils rund zehn Millionen Tonnen aus dem US-Anbau nach Europa, deutsche Ölmühlen nahmen 2,2 Millionen Tonnen ab. Entsprechend werden in den nächsten Wochen bis zu 330 000 Tonnen Gen-Soja in Deutschland eintreffen.Hiesige Umwelt- und Verbraucherverbände fordern deshalb getrennte Ernte und Verschiffung sowie die Kennzeichnung der Produkte.

Wentworth ist ein höflicher Mensch. Ein derartiges Ansinnen kann er bestenfalls "nicht verstehen". Aber wenn die Europäer eine Trennung von konventionell und gentechnisch verändertem Soja wollten, bitte schön. Der Farmer zuckt verständnislos mit den Schultern. Dann sollen sie eben dafür zahlen. Aber alleine 20 Prozent Aufschlag seien dann für die doppelte Arbeit der Farmer fällig. Lobbyisten der US-Sojabohnen-Assoziation sprechen insgesamt sogar von einer Verdoppelung bis Verdreifachung des Preises.

Für den Farmer sind dies alles Petitessen. Für ihn zählen ganz andere Dinge. Denn statt wie bisher viermal müsse er beim Gen-Soja nur zweimal Herbizide spritzen, das spare 50 Prozent Kosten. "Warum sind die Umweltgruppen gegen diese Sojabohnen?" fragt Wentworth. "Das nützt doch der Umwelt." Roundup werde zudem schnell abgebaut und gelange nicht ins Grundwasser.

Monsanto will diese Aussage mit einer eigenen Untersuchung stützen. Je nach Anbaugebiet seien 1997 durch die genveränderten Pflanzen neun bis 39 Prozent weniger Spritzmittel gebraucht worden - bei einer Erntesteigerung um fünf Prozent. Für Wentworth bedeutet dies unter dem Strich pro Jahr ein Plus von 10.000 Dollar. Statt eines Pestizid-Mix sei nur noch ein Herbizid nötig, das gezielter eingesetzt werden könne. Der Preis des Saatgutes unterscheide sich kaum, sagt Wentworth. Jedoch muß er für das Monsanto-Produkt pro Sack, der etwa für einen halben Hektar ausreicht, zusätzlich fünf Dollar als eine Art Technologiegebühr zahlen. Damit wird ihm stets Saatgut auf dem "höchsten Entwicklungsstand" garantiert.

Im mittleren Westen der USA, einer der Soja-Hochburgen, wurden 1996 rund zehn Prozent gentechnisch veränderte Sojapflanzen angebaut, dieses Jahr waren es schon 20, und für 1998 wird mit einem Anteil von 40 Prozent gerechnet. Die Farmer der Gegend, ein "skeptischer Menschenschlag", seien von den Produkten begeistert, sagt Wentwo.

An ökologische Langzeitschäden und mögliche Gesundheitsrisiken, wie sie in Europa diskutiert werden, verschwendet er keinen Gedanken: "Wir sind auch Konsumenten. Wenn ich Angst und Bedenken hätte, würde ich es nicht anbauen. Ich schlafe nachts gut, weil wir Gutes für die Umwelt tun."

Monsanto hat derzeit eine Handvoll Produkte aus dem Gen-Labor auf dem Markt: Soja, Mais, Baumwolle, Kartoffeln und Raps. Weitere sind in der Pipeline, etwa gegen Insekten widerstandsfähige Tomaten und Zuckerrüben, Kartoffeln und andere Pflanzen, deren Inhaltsstoffe so neu zusammengestellt werden, daß sie einen gesundheitlichen Nutzen bringen sollen.

Bob Harness von Monsanto in St. Louis will denn auch den Marktzugang dieser Produkte vorantreiben. Zielscheibe der Kritik ist dabei wiederholt die Genehmigungspraxis der Europäischen Union. "Internationale Harmonisierung" heißt das Schlagwort, hinter dem sich die Forderung nach Absenkung der bürokratischen Hürden und Anpassung an das US-Niveau verbirgt. Denn eines stehe doch fest, sagt Roy Fuchs, Sicherheitsbeauftragter von Monsanto: Tausende Feldversuche in 34 Ländern mit mehreren Hundert verschiedenen neuen Genen hätten klar gezeigt: "Die Produkte sind sicher und gesundheitlich unbedenklich."

Zumindest die US-Verbraucher hegen da wenig Zweifel. Für sie, wie auch die Medien, sind die neuen Lebensmitteln kaum ein Thema. Das mag auch daran liegen, daß der Begriff Gentechnik weitgehend aus dem öffentlichen Wortschatz getilgt wurde, ist er doch zu negativ besetzt. Bei Umfragen, erzählt Molly Cline, Öffentlichkeitsarbeiterin bei Monsanto, habe allein der Begriff Gentechnik die Akzeptanzrate der Produkte um viele Prozentpunkte gedrückt. Da klingt Biotechnologie doch viel netter.

Deshalb setzen Firmen und Behörden auf "education". Motto: Wenn man sie den Leuten nur richtig erkläre, würden sie die Vorteile der Produkte schon verstehen. Allerdings wissen 40 Prozent der US-Bürger überhaupt nicht, daß sich schon eine Reihe von Gentechnik-Produkten in den Läden befindet. Den Menschen sei es aber ohnehin wichtiger, meint Dave Schmidt vom International Food Information Council, möglichst billige Produkte kaufen zu können. Die Politik der Zulassungsbehörde FDA stoße deshalb bei 75 Prozent der Bürger auf Zustimmung.

Sein Amt, unterstreicht James H. Maryanski von der FDA, sehe in der Gentechnik keine besonderen Risiken. Im Vergleich zu Europa ist der Marktzugang für diese Produkte viel leichter. Die Kennzeichnung wird ebenfalls locker gehandhabt. Lediglich zwei Produkte, ein Raps- und ein Sojaöl, müssen bislang gekennzeichnet werden.

Doch den Begriff Gentechnik wird der Verbraucher hierbei vergebens suchen. Ein Hinweis auf die im Vergleich zu konventionellen Ölen deutlich veränderte Zusammensetzung genügt. Die EU-Kennzeichnungspflicht ab dem 1. November diesen Jahres kommentieren die FDA-Leute höflich distanziert und diplomatisch: Es werde sicher interessant sein zu sehen, wie sie funktioniert. Tim Galvin von der US-Landwirtschaftsbehörde verliert dagegen rasch die Contenance. Die Debatte mit den Europäern sei zuweilen "frustrierend". Wie die nur glauben könnten, daß mit den Gen-Pflanzen mehr statt weniger Pestizide nötig seien, versteht er nicht.

Mit Handelskriegen gegen die EU - etwa wegen Bananen oder hormonbehandeltem Fleisch - haben die USA so ihre Erfahrungen. Die Gentechnik-Produkte, droht Galvin unverholen, könnten Anlaß für eine neue Auseinandersetzung werden.

Denn die EU-Kennzeichnung diskriminiere US-Firmen, die jetzt als erste auf dem Markt seien. Wenn die Kennzeichnung dazu führe, daß die US-Farmer leiden müßten und der Handel Schaden nehme, weil die Europäer die Produkte wegen der Etikettierung boykottierten, gebe es Ärger. Und zwar vor dem Gericht der Welthandelsorganisation WTO.

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