DER SPIEGEL Nr. 2 vom 3.1.1998
GENTECHNIK
Wettrüsten auf dem Acker
Neue Beobachtungen beweisen: Die Biotechnologen haben
die Probleme bei der Kontrolle gentechnischer Pflanzen
unterschätzt. Eingefügte Gene springen leichter auf fremde
Arten über als gedacht. Einige der manipulierten Sorten
entwickeln unerwartete Eigenschaften.
Friedrich Maage bangt um seinen Kohl. Zwei Kilometer von den
Gemüsefeldern des Ökobauern entfernt, im niedersächsischen
Gehrden, erprobt die Hoechst-Schering-Tochter AgrEvo Raps, den
ein artfremdes Gen immun gegen das Pflanzengift "Basta"
macht.
"Die Pollen", fürchtet Maage, "könnten unser
Saatgut mit
Fremdgenen verunreinigen."
Das schreckt auch seine Kundschaft. Als die Freisetzungsversuche
im April 1995 begannen, brach Maages Umsatz um 20 Prozent ein.
Im übelsten Fall muß der Landwirt künftig auf sein Ökosiegel
verzichten - nach der EU-Verordnung über den ökologischen
Landbau darf er nur garantiert gentechnikfreie Produkte
verkaufen.
Nun klagt Maage gemeinsam mit drei anderen Landwirten gegen
das Berliner Robert-Koch-Institut, die zuständige
Genehmigungsbehörde: "Wir müssen uns gegen diesen Gensmog
wehren."
Daß seine Angst vor Gentech-Pollen nicht gänzlich unberechtigt
ist,
zeigten jetzt Untersuchungen des Niedersächsischen Landesamtes
für Ökologie: 200 Meter vom Gehrdener Versuchsfeld entfernt
wurden in Samen normaler Rapspflanzen Anti-Basta-Gene entdeckt.
"Bei zukünftigem, großflächigem Anbau von gentechnisch
verändertem Raps", so das Fazit der Forscher, "ist
davon
auszugehen, daß transgener Pollen in erheblichem Ausmaß
verbreitet wird." Nicht auszuschließen, daß auch Bauer
Maages
Kohl, wie Raps ein Mitglied der Gattung Brassica, befruchtet
wird.
Der Pollenflug von Gehrden ist nur einer der Fälle, die
Gentechnik-Gegnern derzeit neue Munition liefern. Noch immer
fürchten sich Verbraucher hauptsächlich vor Gesundheitsschäden
durch Gensoja oder Anti-Matsch-Tomaten. Doch zunehmend wird
deutlich, daß die Hauptgefahr nicht auf dem Teller, sondern auf
dem
Acker droht - durch die Verbreitung manipulierten Erbguts in der
Umwelt.
Der Glaube der Gentechniker, die Folgen ihrer Eingriffe
kontrollieren
zu können, hat damit Schaden genommen. Viel leichter als bislang
angenommen, entwischen Einbaugene vom Acker; und nicht selten
überraschen Laborschöpfungen mit unerwünschten
Nebenwirkungen:
"Wir hatten in der letzten Zeit eine ganze Flut
schlechter
Nachrichten", räumt David Bennett vom europäischen
Biotechnologie-Verband ein. Doch ungeachtet aller
Hiobsbotschaften erobern Gewächse aus den Genlabors die Äcker
weltweit.
Bereits 12 Prozent der amerikanischen Sojaernte enthalten
eingeschleuste Erbinformationen, meist Gene, die sie immun gegen
Duschen mit Pflanzengiften werden lassen. Die Bauern können so
mit einer einzigen Substanz alle Unkräuter ausradieren, und zwar
selbst dann noch, wenn die Kulturpflanzen bereits sprießen.
Unter
dem Strich, argumentieren Befürworter der Methode, werde die
Umwelt so mit weniger Giften verpestet.
In Europa gab die französische Regierung kürzlich dem Anbau von
Mais mit einem Selbstverteidigungsgen gegen Insekten ihren Segen.
Von der EU bereits zugelassen ist transgener Raps sowie eine
Radicchio- und eine Tabaksorte. Währenddessen mahnen Kritiker,
die Risiken seien nicht annähernd genug erforscht. Auf
erstaunliche
Wissenslücken stieß etwa Beatrix Tappeser vom Freiburger
Öko-Institut, als sie die Ergebnisse von mehr als 5000
Freisetzungsversuchen auswertete: "In weniger als einem
Prozent
der Fälle wurden überhaupt ökologische Fragestellungen
bearbeitet."
Dennoch versichert die Industrie unverdrossen, alle Risiken im
Griff
zu haben. So heißt es am 20.Oktober 1994 in dem AgrEvo-Antrag
für den Gehrdener Freisetzungsversuch: "Eine unerwünschte
Befruchtung konventioneller Rapskulturen durch
Pollenverschleppung
ist an diesem Standort nach menschlichem Ermessen
auszuschließen."
Anderthalb Jahre später, im März 1996, veröffentlichte der dänische
Biologe Thomas Mikkelsen eine Studie: Gentech-Raps habe seine
Herbizidresistenz an die verwandte Wildpflanze Rübsen
weitergegeben. "Nichts Neues", winkte AgrEvo-Mann
Gerhard Waitz
ab; seine Firma habe ähnliches in ihren Genehmigungsanträgen
selbst beschrieben. Gefährlich sei diese Genübertragung ohnehin
nicht.
Das sehen Umweltschützer anders. "Wir sind vom Superunkraut
nicht mehr weit entfernt", warnt Tappeser. Viele Vettern der
Rapspflanze - wie auch verwilderter Raps selbst - sind lästige
Unkräuter. Haben sich Resistenzgene erst einmal in der Gattung
Brassica ausgebreitet, wird ein Wettrüsten auf dem Acker
unvermeidlich: Mit immer neuen Agrargiften samt passend
manipulierter Nutzpflanzen werden die Chemiekonzerne versuchen,
mit den Unkräutern Schritt zu halten. Der ökologische Anspruch
der
Gentechnik - den Einsatz der Giftspritze zu vermindern - führt
sich
dann selbst ad absurdum.
Leidtragende wären ausgerechnet diejenigen, denen die
Gentechniker ein leichteres Leben versprechen: die Landwirte. Der
natürlichen Artenvielfalt würden die giftfesten Kräuter
hingegen nicht
schaden: Abseits der pestizidgeduschten Felder besitzen sie
keinen
Selektionsvorteil, können sich dort also nicht besser behaupten
als
ihre naturbelassenen Artgenossen.
Ökosysteme durcheinanderwirbeln könnten jedoch Pflanzen mit
eingebauter Unempfindlichkeit gegen Freßfeinde oder
Viruskrankheiten. Geraten solche Gene in die Wildflora -
Fachleute
sprechen von Auskreuzen -, drohen sie anfälligere Arten zu
verdrängen. In Deutschland gilt dies vor allem für Raps und
Zuckerrüben. Mais, Tabak und Kartoffeln treffen hier nicht auf
wildlebende Kreuzungspartner - wohl aber in Lateinamerika.
Bereits jetzt sind 45 Prozent der weltweit angebauten Pflanzen
aus
Genlabors widerstandsfähig gegen Viren oder Insekten. Der Mais
des Schweizer Chemieriesen Novartis etwa enthält als Schutz
gegen
die schädliche Maiszünsler-Raupe ein Gen des Bodenbakteriums
Bacillus thuringiensis (Bt). Diese Mikroben sind effektive
Insektenkiller: Sie bilden eine ganze Palette Proteine, die Löcher
in
die Darmwände ganz bestimmter Käfer und Raupen reißen.
Da sich Bt-Toxine - anders als synthetische Pestizide - in der
Natur
schnell zersetzen, avancierten sie zum Ökosubstrat, mit dem auch
Bio-Bauern ihren Salat sprühen.
Im Gentech-Mais von Novartis allerdings wirkte das
umweltschonende Bt-Toxin anders als erwartet. Ließ die Substanz
bisher nützliche Insekten unbehelligt, tötete der Mais jetzt -
zumindest
im Labor - ausgerechnet die Tiere, die in der Natur zu den
Hauptfeinden gefräßiger Insekten zählen: die zartgrünen
Florfliegen.
Zürcher Forscher ließen Maiszünsler am Genmais knabbern und
verfütterten die sterbenden Raupen anschließend an
Florfliegen-Larven. Ergebnis: Starben in der normal ernährten
Kontrollgruppe nur 34 Prozent der Florfliegen im Larvenstadium,
krepierten unter dem Einfluß des Bakteriengiftes 61 Prozent.
"Erstmals", sagt Tappeser, "ist der Giftstoff
damit über die
Nahrungskette weitergegeben worden."
Aufgeschreckt konterte der Schweizer Chemie-Riese mit einer
Stellungnahme, die den Befund zu verharmlosen sucht: Die
Laborversuche seien nicht auf Freilandbedingungen übertragbar.
Mit
einiger Chuzpe deuten die Novartis-Experten die Ergebnisse aus
Zürich um: Die Florfliegen seien gar nicht am Bt-Toxin verendet,
sondern an anderen Giften, die sich im Körper der siechen
Beutetiere bildeten.
Dezent verschweigt der Konzern, daß die Zürcher Forscher
ebendiesen Irrtum auszuschließen versuchten: Zu Kontrollzwecken
experimentierten sie auch mit Ägyptischen Baumwolleulen. Diese
Insekten verdauen das Bt-Toxin schadlos. Obwohl sie nach der
Maismahlzeit gesund und munter blieben, brachten auch diese
Beutetiere die Florfliegen zu Tode.
Etabliert sich das Bazillengift-Gen im Erbgut von Wildpflanzen,
könnte es zudem Löcher in das Netz ökologischer Abhängigkeiten
reißen: Bestimmte Insektenarten wären bedroht, etwa
Schmetterlinge, deren Raupen oft auf eine spezielle Futterpflanze
angewiesen sind; Vögeln und anderen Insektenvertilgern würden
wichtige Nahrungsquellen entzogen.
Ein weiteres Risiko der Pflanzen mit eingebautem Insektenschutz:
Sehr schnell drohen die Schädlinge gegen das Bt-Toxin resistent
zu
werden. Denn während das Bazillengift beim Spritzen nur kurz in
der
Umwelt verweilt, produzieren es die manipulierten Pflanzen über
die
gesamte Vegetationszeit hinweg. Entsprechend mehr Zeit bleibt der
Insektenwelt, Abwehrstrategien zu entwickeln. Das momentan
einzige umweltverträgliche Pestizid würde so seine Wirksamkeit
verlieren.
Die Chemiekonzerne kalkulieren diesen Effekt bereits ein,
vermutet
Beatrix Tappeser: "Die handeln nach der Devise Nach
uns die
Sintflut'". Für Firmen wie Novartis habe sich die
Investition bereits
gelohnt, wenn sich die Bt-Pflanzen nur wenige Jahre lang am Markt
behaupten.
So könnte sich manche der vielversprechenden Schöpfungen aus
dem Genlabor bald als Ladenhüter erweisen - wie die berühmte
Anti-Matsch-Tomate der US-Firma Calgene. Die lange haltbare
Frucht verschwand im April letzten Jahres aus den amerikanischen
Supermärkten. Den Kunden mißfiel ihr metallischer Geschmack. .
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