Gen-ethischer Informationsdienst (GID), Nr. 117, Feb. 1997

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Im gedruckten GID 117 gibt es ausserdem ausfuehrliche Beitraege zu:

** Gentests und OEffentlichkeit

** Fuenf Jahre Gentechnikgesetz

** Neue Freisetzungsversuche 1997

** Aufstieg und Niedergang - Chronologie der Novel Food Verordnung

** US-AktivistInnen erfolgreich gegen Novel Food

** Transgene Kulturpflanzen als Unkraeuter

** Rosen und Nelken... sollen nicht mehr welken.Was GentechnologInnen mit Zierpflanzen so alles anstellen.

Schwerpunktthema von GID 117: Enzyme

Die unscheinbaren, aber hochwirksamen Bio-Katalysatoren spielen mittlerweile in industriechemischen Prozessen eine wichtige Rolle, sei es bei der Nahrungsmittelherstellung, in der Produktion von Textilien oder in Wasch- und Reinigungsmitteln. Beinahe unbemerkt von den VerbraucherInnen wird ein Teil der riesigen Enzymmengen, die die Industrie braucht, laengst durch gentechnisch manipulierte Mikroorganismen "abgesondert". Im neuen GID 117 sind die folgenden Beitraege zu lesen:

** Warum, weshalb, wofuer. Ohne Enzyme geht scheinbar nichts mehr. Die Gentechnologie liefert die kleinen Helfer in unbegrenzten Mengen

** Diskret und praezise. Warum die moderne Lebensmitteltechnologie immer mehr auf Enzyme setzt

** Klein, zahlreich- und sehr lebendig. Mikroorganismen in der Enzymproduktion

** Nachhaltige Gentechnik? Beispiel Phytase - wie steht es mit der vielbeschworenen Umweltfreundlichkeit gentechnisch hergestellter Enzyme?

** Position zur Enzymtechnologie. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Gen- und Reproduktionstechnologie der Buendnisgruenen zum Thema Enzyme

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M E L D U N G E N aus GID 117

MEDIZIN / HUMANGENETIK

- Susanne Billig, Sabine Riewenherm -

Grenzen setzen...

... wird die Britische Gesellschaft fuer Genetik. Weil der naechste Internationale Kongress fuer Genetik 1998 in Peking stattfinden soll, erklaerte der Vorstand der britischen GenetikerInnen-Vereinigung den Austritt aus dem grossen Dachverband der genetischen Gesellschaften, der International Genetics Federation, IGF.

Unerträglich

ist dem Vorstand der britischen GenetikerInnen die Vorstellung, den wichtigen Kongress - der nicht nur dem wissenschaftlichen Austausch, sondern vor allem auch der oeffentlichen Wuerdigung von genetischen Forschungsergebnissen dient - in einem Land abzuhalten, das sich mit einer rigiden eugenischen Gesetzgebung hervortut. In China muss eine Frau ihren Foetus auf etwaige Missbildungen praenatal testen lassen, Abtreibungen sind bei einem positiven Befund zwingend vorgeschrieben.

Menschen, die ein rezessives (!) Gen fuer eine Erbkrankheit tragen, haben die "Wahl" zwischen der jahrelangen Einnahme von Verhuetungsmitteln oder einer Sterilisation.

Die Mitglieder der britischen Genetiker-Gesellschaft selbst zeigten sich leider weniger an dem Thema interessiert: Eine Umfrage, die der Vorstand vor seiner Boykott-Entscheidung unter den Mitgliedern durchfuehrte, erhielt einen beschaemend geringen Ruecklauf von nur sieben Prozent.

Gen für... Neurosen

Ein Gen auf Chromosom 17 soll fuer Angstzustaende und Neurosen mitverantwortlich sein. Allerdings, so geben die WissenschaftlerInnen um Dennis Murphy von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA zu bedenken, sollen nicht weniger als 15 Gene insgesamt daran beteiligt sein, wenn Menschen uebermaessig unter Sorgen und Ängsten leiden. Das Gen auf Chromosom 17 kodiert fuer den sogenannten Serotonin Transporter. Serotonin selbst ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirnstoffwechsel, der mit Gefuehlszustaenden wie Ruhe oder umgekehrt Aufregung und Angespanntheit in Zusammenhang gebracht wird.

Die US-WissenschaftlerInnen analysierten zusammen mit ForscherInnen aus Wuerzburg die DNA-Proben von Hunderten von Freiwilligen. Dabei stellten sie fest, dass das Gen mit zwei verschiedenen "Schaltern" (Promotoren) vererbt wird. Menschen mit dem aktiveren "Einschalter" produzieren mehr von dem Serotonin Transporter. In Persoenlichkeitstests sollen sie sich als anfaelliger fuer uebergrosse Sorgen erwiesen haben. Allerdings schraenken die ForscherInnen ein, dass der Gen-Schalter fuer hoechstens drei bis vier Prozent in der Bandbreite des menschlichen neurotischen Verhaltens verantwortlich sein soll. Es sei also nicht moeglich, aufgrund dieses Gens Menschen als "uebermaessig Besorgte" zu stigmatisieren, denn ob das Gen vorhanden sei oder nicht sage noch nichts ueber das Verhalten eines Individuums aus. Der Londoner Genetiker Hugh Gurling machte derweil darauf aufmerksam, dass Studien, die genetische Merkmale mit Verhaltensauffaelligkeiten in Verbindung zu bringen versuchen, hoechst anfaellig fuer statistische Fehler seien. (New Scientist, 7.12.96, Science 29.11.96)

Gen für... Prostata-Krebs

WissenschaftlerInnen aus Schweden und den USA haben auf dem langen Arm von Chromosom 1 ein Gen identifiziert, das Prostata-Krebs verursachen soll.

Bislang wurden Struktur und Funktion des Gens (HPC1) allerdings noch nicht genauer analysiert. "Das wird die Tuer oeffnen, um Menschen mit hohem Risiko zu identifizieren", so Patrick Walsh von der John Hopkins School of Medicine. Jaehrlich sterben in den USA 40.000 Maenner an Prostata-Krebs. (New Scientist, 30.11.96)

Gen für... Schizophrenie

Wie die Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences im Januar meldete, wollen WissenschaftlerInnen der Universitaetskliniken Denver und Colorado ein Gen entdeckt haben, das die Wahrscheinlichkeit, an Schizophrenie zu erkranken, dramatisch erhoeht. Die WissenschaftlerInnen untersuchten 96 Personen aus neun Grossfamilien verschiedener Ethnien. 36 davon litten an Schizophrenie.

Nicht jeder, der dieses Gen besitze, entwickelt im Laufe seines Lebens eine Schizophrenie; das Gen erhoehe allerdings die Erkrankungswahrscheinlichkeit betraechtlich. Das Gen, so Forscher Robert Freedmann, haenge eng mit dem sogenannten Nikotin-Rezeptor auf Chromosom 15 zusammen. Dies koenne die Tatsache erklaeren, dass viele Schizophrenie-Kranke starke Raucher seien. Das Rauchen sei ein Versuch der Selbstmedikation - wenn auch ein kontraproduktiver. Nikotin-Rezeptoren dienten dem Gehirn als Pfoertner, die bei der Entscheidung helfen, welche Information wichtig und welche unwichtig ist. Wenn der Pfoertner schlecht funktioniert, dann wird das Gehirn mit Information ueberflutet - genau das ist ein Teil der Symptomatik der Schizophrenie. (Dt.Radio Newsletter, 21.1.97)

Gen für... offenen Rücken

Der sogenannte offene Ruecken ist eine der haeufigsten Behinderungen von Neugeborenen. Eines von 1000 Neugeborenen leidet an dieser Missbildung der Wirbelsaeule. Bislang wusste man, dass ein Folsaeuremangel der Schwangeren ein hohes Risiko birgt, ein Kind mit offenem Ruecken zu gebaeren. Folsaeure ist im Koerper an verschiedenen Kohlenstofftransportwegen beteiligt und spielt eine Rolle bei der DNA-Synthese. Doch nicht bei allen Schwangeren wirkt Folsaeuremangel gleich. Schon laenger vermuten MedizinerInnen deshalb, dass eine Genmutation beim Foetus zu der Entwicklungsstoerung der Wirbelsaeule beitraegt, und suchten nach Genen, die die Folsaeureverwertung steuern. ForscherInnen der Texas University sind jetzt fuendig geworden. "Es gibt ein Folsaeuretraeger-Gen, das dem Stoff hilft, in die Zelle zu gelangen", charakterisiert Professor Richard Finnel von der Abteilung Tieranatomie und Gesundheitswissenschaft das Gen, auf das seine Forschungsgruppe stiess. Fuer den Menschen ist es noch nicht vollstaendig charakterisiert. Die WissenschaftlerInnen aus Texas stuetzten sich bei ihrer Gen-Suche auf umfangreiche kalifornische Datensammlung ueber Kinder, die mit Missbildungen geboren werden.

"Wir haben ein einzelnes Gen identifiziert, das einen grossen Effekt zeigt, doch ist es sicher nicht fuer alle Neuralrohrdefekte verantwortlich", betont Finnel. (Dt. Radio Berlin, 9.1.97)

Kurzes Leben, Geld gespart

Die Lebenserwartung von Mukoviszidose-Patienten ist in Deutschland signifikant geringer als im Ausland. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Niedersaechsischen Landesaerztekammer. Mukoviszidose ist die haeufigste angeborene Stoffwechselerkrankung in Deutschland. Schaetzungen zufolge leiden derzeit etwa 6.000 Menschen an der unheilbaren Erbkrankheit. Ein zaeher Schleim verstopft bei den Kranken lebenswichtige Organe, wie beispielsweise die Lunge. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Mukoviszidose-PatientInnen liegt in Deutschland heute bei 24 Jahren. In Daenemark, in den USA und Kanada werden die Patienten im Durchschnitt allerdings wesentlich aelter. In Grossbritannien geht man sogar von einer Lebenserwartung von 40 Jahren aus. Der Kinderarzt Professor Martin Stern, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des Projekts, stellte Ende November in Bonn auf einer Pressekonferenz des Vereins Mukoviszidose e.V. fest: "Bei der medizinischen Versorgung gibt es deutliche Defizite." Vor allem Sparmassnahmen im Gesundheitswesen wirken sich deutlich aus. Die Behandlung der Krankheit ist sehr kostenintensiv. Die Patienten muessen mehrmals im Jahr zwei bis drei Wochen lang fuer eine spezielle Antibiotika-Therapie ins Krankenhaus. Die optimale Versorgung kostet dort pro Tag bis zu 2.000 DM. Stern hat daher jetzt die Krankenkassen aufgefordert, einen kostendeckenden Tagesssatz speziell fuer Mukoviszidose-Kranke zu gewaehren, damit diese die notwendige Versorgung erhalten koennen. (Dt. Radio Newsletter, 28.11.96)

Tierorgane für Menschen

Grossbritannien hat die Transplantation von Tierorganen auf Menschen Mitte Januar vorlaeufig gestoppt. Die Entscheidung fiel, nachdem ein von der Regierung berufenes ExpertInnen-Komitee einen Bericht vorgelegt hatte, der auf das Risiko der Übertragung von neuen, gesundheitsschaedigenden Viren auf den Menschen aufmerksam gemacht hatte. Das Unternehmen Imutran aus Cambridge sagte, es wolle die Entscheidung akzeptieren und auf klinische Versuche verzichten, bis weitere Forschungsergebnisse erzielt seien.

Imutran tut sich als Pionier der sogenannten Xenotransplantation hervor. Das Unternehmen forscht vor allem an der Übertragung der Organe gentechnisch veraenderter Schweine auf Menschen. Die Schweine wurden so manipuliert, dass ihre Organe mit "menschlichen" Molekuelen umkleidet sind. Die Hoffnung ist, dass auf diese Weise die schwersten Abstossungsreaktionen des menschlichen Immunsystems vermieden werden koennen. Es ist allerdings bekannt, dass Schweine mehrere sogenannte Retroviren beherbergen. Aus dieser Virenfamilie stammt beispielsweise auch das HIV. Eines der Schweineviren wurde erst in den letzten zwei Jahren entdeckt.

Zumindest im Reagenzglas vermoegen einige der Schweineviren andere Tierzellen zu infizieren.

Die britische Regierung will artueberschreitende Transplantionen nun so bald wie moeglich gesetzlich regeln. Versuche am Menschen sollen jedoch erst dann stattfinden, wenn die Risiken nach allgemeiner Expertenmeinung handhabbar sind. Imutran geht davon aus, dass eine routinemaessige Übertragung von Tieren auf Menschen ohnehin erst im kommenden Jahrzehnt stattfinden werden, selbst wenn jetzt mit ersten Versuchen am Menschen begonnen werden koennte.

Golf-Syndrom

Der Biochemiker Garth Nicolson, Direktor der Non-Profit Einrichtung Institute of Molecular Medicine in Irvine, Kalifornien, will Spuren gentechnisch veraenderter Bakterien in Golfkriegsveteranen gefunden haben. Das Pentagon gab im Dezember zu, seine Ergebnisse immerhin so ernst zu nehmen, dass es seine Forschungsergebnisse derzeit ueberprueft. Bislang geht man im Pentagon offiziell davon aus, dass die US-Soldaten wahrscheinlich geringen Dosen des Giftes Sarin ausgesetzt waren. Die Tatsache, dass die Beschwerden des Golfkriegs-Syndroms - chronische Muedigkeit, Gelenkschmerzen, Gedaechtnisverlust, Unruhezustaende - sich auf Familienmitglieder ausbreiten koennen, spricht allerdings fuer die Hypothese einer bakteriellen Infektion. Wie der Seattle Post Intelligencer im vergangenen Dezember berichtete, untersuchte Nicolson mehrere Dutzend Patienten, die an den typischen Beschwerden des Golfkriegs-Syndroms litten. Bei 55 Prozent der Patienten stiess er auf ungewoehnliche Bakterienspuren, "die normalerweise so nicht vorkommen", so Nicolson gegenueber der Zeitung. Er haelt "invasive biologische Waffen" fuer die Ursache des Krankheitsbildes.

Nicolson begann seine Forschungsarbeiten gemeinsam mit seiner Frau, nachdem seine bei der US-Armee beschaeftigte Tochter aus dem Golfkrieg heimkehrte und unter zahlreichen Beschwerden litt. "Er arbeitet auf einem Gebiet, auf dem wir gleichfalls forschen, wir bestaetigen also, dass dieses Forschungsgebiet wichtig ist", so Pentagon-Sprecher Kenneth Bacon. Dennoch koennten die Forschungsergebnisse von Nicolson derzeit noch nicht kommentiert werden, da sie noch nicht wissenschaftlich ueberprueft seien. Bacon gab an, dass die US-Regierung Nicolson 1993 angeboten habe, seine Forschungen finanziell zu untestuetzen. Nicolson habe jedoch nicht einmal geantwortet.

Inaktives Gehirn

Das Gehirn von PatientInnen mit der Alzheimer-Krankheit ist regenerationsfaehiger als bislang angenommen. Dies ergaben Untersuchungen, die ForscherInnen des Niederlaendischen Hirnforschungsinstituts in Amsterdam an Gehirnen Verstorbener vorgenommen hatten. Dabei zeigte sich, dass in einigen Hirnregionen die Nervenzellen nicht abgestorben, sondern lediglich inaktiv waren. Mit der richtigen Stimulanz liessen sich die Zellen wieder aktivieren, erklaerte Institutsleiter Professor Dick Swaab Ende November auf einem Symposium des Max-Planck-Instituts fuer Psychiatrie in Muenchen. Ein bestimmtes Hirnareal bei den Kranken koenne bereits mit Licht stimuliert und bis zu einem gewissen Grad reaktiviert werden, sagte Swaab. Von einer Heilung der toedlich verlaufenden Krankheit sei man aber nach wie vor weit entfernt. (Dt.Radio Newsletter, 29.11.96)

Pipette will Jugend

Das hat eine Studie der Universitaet Aberdeen ergeben, die in der Medizinzeitschrift The Lancet erschien. Die WissenschaftlerInnen hatten in Grossbritannien insgesamt 37.000 Faelle von kuenstlichen Befruchtungen untersucht. 14 Prozent der Befruchtungen verliefen erfolgreich, die hoechste Erfolgsrate wurde bei Frauen zwischen 25 und 30 Jahren festgestellt. Je aelter die Frauen wurden, desto geringer war die Chance, dass die Befruchtung beim ersten Versuch gelang. Bei Frauen ueber 45, so schreiben die ForscherInnen, stellte sich in keinem der Faelle eine Schwangerschaft ein. Deutlich groesser sei die Chance dagegen bei Frauen gewesen, die bereits ein Kind bekommen hatten. (Dt.Radio Newsletter, 3.12.96)

Bioethik für die Praxis

- Wolfgang Loehr -

Der Streit um die europaeische Bioethik-Konvention geht in die naechste Runde. Erst vor wenigen Wochen hatte das Ministerkommitee des Europarates in Strassburg die umstrittene Konvention ueber Biomedizin und Menschenrechte verabschiedet. Jetzt werden Forderungen lauter, dass auch die Bundesrepublik dem voelkerrechtlichen Abkommen beitritt und Forschung mit nicht einwilligungsfaehigen Personen zulaesst.

So bereitet der Zusammenschluss der deutschen medizinischen Ethikkommissionen derzeit einen Vorschlag vor, der festlegt, unter welchen Bedingungen Forschung mit Geisteskranken, Kleinkindern oder Komapatienten erlaubt sein soll.

...Weiter in der GID-Printversion, Nr. 117

Gezähmter Wachhund

Harold Varmus, Direktor der US-amerikanischen Nationalen Gesundheitsbehoerde (NIH), gab Ende letzten Jahres bekannt, dass das Recombinant DNA Advisory Committee (RAC) doch nicht geschlossen wird (Science, 29.11.96). Das RAC, das urspruenglich eingerichtet wurde, um Richtlinien fuer gentechnische Experimente mit Bakterien zu erstellen, ist in den USA fuer die Begutachtung neuer Gentherapie-Experimente zustaendig. Das von manchen WissenschaftlerInnen auch als "Wachhund" titulierte Komitee setzt sich aus JuristInnen, EthikerInnen, VertreterInnen oeffentlicher Interessengruppen und MedizinerInnen zusammen.

Zustaendig fuer die Sicherheitspruefungen und fuer die gesundheitsrelevanten Aspekte ist zwar die Food and Drug Administration (FDA). Doch wurde das FDA nicht eher aktiv, als bis das RAC sein Votum zu den ethischen Aspekten eines geplanten Gentherapie-Experiments abgegeben hatte. Ingesamt wurden in den USA weit ueber 100 gentherapeutische Experimente genehmigt, obwohl weniger als ein Dutzend der Versuche therapeutischen Zielen diente. Ende des Jahres 1995 haeuften sich die Meldungen ueber Misserfolge bei der Gentherapie und dass diese noch weit entfernt davon sei, ihren Experimentier-Status abzulegen (siehe auch GID 108/109).

Das RAC vereinfachte 1995 seine Richtlinien - gentherapeutische Experimente, die mit bereits genehmigten weitgehend identisch waren, mussten nicht mehr ueberprueft werden und bekamen automatisch einen "Freibrief". Damit hatte sich das Komitee sozusagen selber abgewickelt. So mussten 1995 zwei Treffen abgesagt werden, weil keine neuen Antraege vorlagen. Folgerichtig kuendigte Varmus im Fruehsommer 1996 an, dass das RAC nicht mehr notwendig sei (Science, 17.5.96). Sein Vorschlag: Das FDA - das hinter geschlossenen Tueren tagt - sowie einzelne Universitaets- oder Krankenhaus-Ausschuesse sollten die RAC-Aufgaben uebernehmen.

KritikerInnen fuehrten an, dass auf diese Weise die Öffentlichkeit gaenzlich von wichtigen Entscheidungen im Bereich der Gentherapie ausgeschlossen sei. Gerade bei der Gentherapie wuerden sich die enormen kontroversen Auswirkungen dieses Forschungsansatzes schon abzeichnen. So schlaegt Arthur Caplan, Bioethiker an der Universitaet von Pennsylvania, vor, dass sich das RAC neuen Themen wie der Gentherapie bei neugeborenen Babies und Foeten widmen soll (New Scientist, 8.6.96).

Insgesamt gingen ueber 70 Stellungnahmen beim NIH ein, zwei Drittel der KommentatorInnen aeusserten sich kritisch. Da das NIH verpflichtet ist, die oeffentliche Meinung zu akzeptieren, lenkte Varmus ein. Das RAC wird nicht geschlossen, allerdings soll die Anzahl seiner Mitglieder von 25 auf 15 gekuerzt werden. Ausserdem soll es bei zukuenftigen Experimenten nicht mehr als Pruefungsgremium eingesetzt werden, sondern darf diese nur noch kommentieren. Der schon immer zahme und trotzdem von einigen GentherapeutInnen gefuerchtete "Wachhund" wird so zu einem Forum zurechtgestutzt, in dem die Mitglieder zwar ueber ethische und soziale Auswirkungen miteinander reden koennen. Ob jemand auf sie hoeren wird, ist eine andere Sache.

PHARMAINDUSTRIE +
FORSCHUNG

- Susanne Billig, Sabine Riewenherm -

Gestresste Zebrafische

In Japan wollen Wissenschaftler gentechnisch veraenderte Zebrafische als Indikatoren fuer Umweltschaeden einsetzen. Die Forscher des japanischen Ministeriums fuer Fischerei "konstruierten" dazu einen Zebrafisch, der unter Stresssituationen blau anlaeuft. Der urspruenglich in den Tropen vorkommende Fisch verfuegt ueber ein Gen, das unter Stress verschiedene Reaktionen hervorruft. Die Wissenschaftler pflanzten nun in unmittelbarer Nachbarschaft ein zusaetzliches Gen ein, das im Falle einer Aktivierung die Produktion eines farbstofferzeugenden Enzyms ausloest.

In Kombination mit einer im Wasser enthaltenen Farbloesung faerben sich bestimmte Koerperregionen der Fische blau. So kommt es zu einer Verfaerbung der Darmkanaele, wenn das umgebende Wasser zu warm ist. Durch diese Farbreaktion erhoffen sich die Forscher Rueckschluesse auf Art und Auswirkung von Umweltbelastungen.

Denkbar waere auch ein Einsatz der Zebrafische in Fischzuchtbetrieben, da dort staendig Tiere durch ueberhoehten Stress sterben. (Bild der Wissenschaft, 24.1.1997)

Unverdaute Gene

Der Wissenschaftler Walter Doerfler von der Universitaet Koeln widerlegte die Lehrbuchmeinung, dass bei der Verdauung die Erbsubstanz vollstaendig zerstoert wird. Doerfler identifizierte zusammen mit KollegInnen in Blut- und Leberzellen von Maeusen DNA, die sie den Tieren zuvor verfuettert hatten. Sie hatten den Maeusen Bakterien-Viren unter das Futter gemischt. Grosse Bruchstuecke der Virus-DNA fanden sich daraufhin im Kot, aber zum Teil auch in vielen Koerperzellen. Diese Untersuchungsergebnisse sind nicht neu, denn sie wurden bereits 1994 im Deutschen Ärzteblatt (91, Heft 25/26, 27.6.94) publiziert. Erst nach einem Vortrag Doerflers auf dem internationalen Congress on Cell Biology in San Francisco erhielt die Untersuchung die Aufmerksamkeit der internationalen Presse. (New Scientist, 4.1.97)

Kaninchen-Milch

Das niederlaendische Biotech-Unternehmen Pharming will umgerechnet rund 30 Millionen DM ausgeben, um eine Kaninchen-Milchproduktions-Anlage zu errichten.

Das Unternehmen hat gentechnisch manipulierte Kaninchen entwickelt, die ein Gramm des Enzyms Alpha-Glucosidase pro Liter Milch absondern. Das Enzym wird zur Behandlung der seltenen genetischen Pompe's-Erkrankung benoetigt. Die Krankheit ist genetisch bedingt, die PatientInnen koennen in ihren Muskeln den Energielieferanten Glycogen nicht zu Glucose-Zuckermolekuelen abbauen. Sie leiden unter schweren Muskel- und Atemschwaechen. MedizinerInnen nehmen an, dass die direkte Injektion des fehlenden Enzyms in die Muskeln der PatientInnen zu einer Linderung der Symptome fuehren koennte. Bislang wurde das aus Mangel an Enzym jedoch nur in Zellkulturen ausprobiert. Das niederlaendische Unternehmen plant, etwa 200 Kaninchen in der Produktionsanlage zu halten. Sie wuerden reichen, um den Weltbedarf an Alpha-Glucosidase abzudecken. Noch ist allerdings nicht klar, ob es auch gelingen wird, das Enzym in seiner aktiven Form aus der Kaninchenmilch zu extrahieren. (Science, 6.12.96)

Ein Blasmützenmoos

... soll demnaechst menschliche Eiweisse oder Hormone bilden.

GentechnikerInnen vom Institut fuer allgemeine Botanik der Universitaet Hamburg manipulierten das "Kleine Blasmuetzenmoos", indem sie ihm die entsprechenden Gene fuer ein menschliches Wachstumsprotein uebertrugen, das in der Krebstherapie bei Tumoren die Blutversorgung unterbinden soll. Der Vorteil fuer die Arzneiproduktion in Moosen sei, dass sie das gewuenschte Eiweiss - anders als Bakterienzellen - noch in der Zelle veraendern koennten. So wuerden beispielsweise Zuckerreste angehaengt werden, die das Eiweiss fuer den menschlichen Koerper vertraeglicher machen. (Bild der Wissenschaft, 21.12.96)

LANDWIRTSCHAFT, NOVEL FOOD + PATENTIERUNG

- Susanne Billig, Sabine Riewenherm -

Plastik in Baumwolle

Baumwollpflanzen, die in ihren Fasern Plastik-Koernchen bilden, entwickelte das US-amerikanische Unternehmen Agracetus. Dafuer fuegten die WissenschaftlerInnen zwei Gene eines Bakteriums (Alcaligenes eutrophus) in das pflanzliche Erbgut ein, die fuer die Produktion von Poly-Hydroxybutyrat (PHB) zustaendig sind. PHB spielt eine Rolle bei der Waermeleitfaehigkeit und hat bei Bakterien die gleiche Funktion wie das Fett bei Tieren. Die genmanipulierte Baumwolle soll besser gegen Kaelte isolieren. Die praktische Alternative zur Plastik-Baumwolle: Der gemeine Wollpullover.

(New Scientist, 23.11.96)

Druiden, wehrt euch!

Die seit Jahrtausenden fuer ihre Heilkraefte geschaetzte Mistel soll, geht es nach dem Willen der University of California in Los Angeles, in Privatbesitz uebergehen. Die Universitaet hat einen weltweiten Patentantrag gestellt, um das alleinige Recht zu erlangen, Extrakte der Mistelpflanze in der Bekaempfung von Aids und Krebs zu verwenden. Das Patent soll das technische Verfahren der Extraktion der aktiven Mistelbestandteile umfassen. Man rechnet mit einem Widerstand von Seiten deutscher und russischer Forschungsgruppen, die ebenfalls mit Mistelextrakten arbeiten. (New Scientist, 21./28.12.96)

Artensterben für Heilpflanzen

Das Bundesamt fuer Naturschutz hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Liebe zum Naturheilmittel stark zum Artensterben von Pflanzen beitraegt. In Deutschland sind Extrakte oder ganze Exemplare von etwa 1.500 Heilpflanzen im Umlauf.

Jaehrlich werden etwa 40.000 Tonnen Heilpflanzen aus aller Welt eingefuehrt, um in Medikamenten, Kosmetika, Lebensmitteln und Getraenken Verwendung zu finden. Ein Grossteil der Heil- und Gewuerzpflanzen stammt nicht aus geregeltem Anbau, sondern wird wild gesammelt, haeufig von unterbezahlten Minderheiten, die die Verbreitungsgebiete der Pflanzen stark uebernutzen, um vom Sammeln leben zu koennen. In Ungarn wurden auf diese Weise bereits 27 Pflanzenarten ausgerottet.

Pflanzen, die auch in Deutschland wachsen wuerden, werden zunehmend weniger hier angebaut, weil der Importweg lukrativer ist. Selbst gebraeuchliche Kuechenkraeuter wie Thymian oder Oregano werden in Griechenland oder der Tuerkei oft in der freien Natur gesammelt, wobei nicht selten ganze Buesche ausgerissen werden.

Laut dem Bundesamt stammen Kraeuter aus dem oekologischen Naturwarenhandel haeufig aus geregeltem Anbau in Westeuropa. (SZ, 28.11.96)

BuddhistInnen gegen Novel Food

Die internationale Zen-buddhistische Organisation Dharma Realm Buddhist Association hat sich gegen die gentechnische Veraenderung von Lebensmitteln ausgesprochen und eine umfassende Kennzeichnung gefordert. In der Resolution, die im Dezember verabschiedet wurde, wird die gentechnische Veraenderung von Nahrungsmitteln als "Eingriff in die Muster unserer Welt auf der grundlegendsten und gefährlichsten Ebene" bezeichnet. Wenn solche Lebensmittel nicht gekennzeichnet wuerden, bedeute dies die Verletzung des Grundrechts auf religioese Freiheit. "Ohne Kennzeichnung haben Buddhistinnen und Buddhisten keine Moeglichkeit, den Kauf von Nahrungsmitteln zu vermeiden, die ihrem religioesen Glauben und ihren Prinzipien zuwiderlaufen", kritisierte die Organisation. Vegetarisch lebende Buddhistinnen und Buddhisten koennten sich nicht gegen Lebensmittel entscheiden, die Gene nicht-vegetarischer Herkunft enthielten. (GID)

Monsanto ändert Werbung

Im November letzten Jahres hat das US-Unternehmen Monsanto der Staatsanwaltschaft von New York nachgegeben und wird die Werbung fuer seine Glyphosat-Produkte, darunter Roundup, aendern. Die New Yorker Staatsanwaltschaft hielt die Werbeanzeigen fuer irrefuehrend, da sie die Glyphosat-haltigen Produkte als ungefaehrlich fuer Mensch und Umwelt darstellten. Monsanto will nun Ausdruecke wie "biologisch abbaubar" und "umweltfreundlich" aus der Werbung herausnehmen und dem Staat New York 50.000 Dollar Verfahrenskosten zahlen. Die New Yorker Staatsanwaltschaft geht seit 1991 gegen die Monsanto-Anzeigen an.

Monsanto behauptet nach wie vor, dass seine Werbung den Tatsachen entspreche. Man habe sich auf die Vereinbarung nur eingelassen, um weiteren Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen. Laut einem 1993 erschienenen Bericht der School of Public Health an der University of California in Berkeley, USA, steht Glyphosat an dritter Stelle der Pestzide, die Krankheiten bei Landarbeitern in Kalifornien ausloesen. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres konnte Monsanto seinen weltweiten Umsatz mit Agrochemikalien um 21 Prozent auf 2,48 Milliarden US-Dollar steigen. Hauptgrund: der schwunghafte Handel mit Roundup. (GID)

Ungeschützte Tomaten

Britische und deutsche WissenschaftlerInnen stellten bei einer gemeinsamen Forschungsarbeit fest, dass das Gas Ethylen bei Tomatenpflanzen ein wichtiger Faktor fuer den Schutz gegen Insektenfrass ist. Es veranlasst die Pflanzen zur Produktion eines bestimmten Proteins, dem sogenannten pin-Protein (Proteinase-Inhibitor-Protein). Es wirkt auf den Stoffwechsel der Insekten ein und verdirbt ihnen den Appetit. Manchen GentechnikerInnen - wie zum Beispiel von der US-amerikanischen Firma DNA Plant Technology, die die natuerliche Ethylenproduktion der Tomate blockieren, damit diese nicht so schnell reif wird - sollte diese Nachricht zu denken geben. Vielleicht landen ihre genmanipulierten ethylenlosen Tomaten eher im Magen der Insekten als im Magen der Verbraucher. (Science, 13.12.96)

Teurer Bt-Mais

Im November letzten Jahres erklaerte sich das Unternehmen Northrup King bereit, 165.200 US-Dollar an das US-Umweltministerium (Environmental Protection Agency, EPA) zu zahlen. Der Grund: Import und Verkauf von nicht genehmigten Maispflanzen, die Erbgut des Bacillus thuringiensis enthielten. Das EPA stufte die Pflanzen als Pestizid ein und warf dem Unternehmen vor, gegen US-Gesetze zum Pestizid-Handel verstossen zu haben. Damit hat das EPA erstmals rechtliche Schritte gegen ein Pestizid unternommen, das in einer gentechnisch veraenderten Pflanze besteht. Northrup King ist ein Tochterunternehmen von Sandoz Seeds und hat seinen Sitz in in Minnesota. Das Unternehmen betont, dass es einen Antrag fuer den Import von Gentech-Mais beim EPA gestellt hat und schon im letzten Fruehjahr mit der Genehmigung rechnete. Um so viel Saatgut wie moeglich an US-Farmer verkaufen zu koennen, verschiffte die Firma Saatgut - das seit August 1996 regulaer innerhalb der USA verkauft wird - fuer den Winteranbau nach Chile. Obgleich noch keine Importgenehmigung erteilt war, wurde das neue Saatgut dann wieder in die USA transportiert und dort verpackt und verkauft. Weil das Unternehmen sich als so kooperativ erwiesen habe, wurde die urspruenglich vorgesehene Strafe von 208.500 US-Dollar um 20 Prozent reduziert. (GID)

OK für Novartis

Der Fusion der Schweizer Pharma-Riesen Ciba-Geigy und Sandoz zu Novartis stimmte nun auch die US-Wettbewerbsbehoerde Federal Trade Commission (FTC) zu.

Fuer die Europaeische Union hatten die Aktionaere und Wettbewerbshueter der Fusion bereits schon im letzten Jahr zugestimmt (siehe GID 115). Das FTC erteilte den Unternehmen allerdings die Auflage, noch einige Einheiten - Gentherapie, Mais-Herbizide und Parasitenabwehr - abzugeben. Der Fusion von Ciba und Sandoz werden ungefaehr 10.000 der weltweit 134.000 Beschaeftigten geopfert. Allein in der Schweiz gehen 3.500 Arbeitsplaetze, in Deutschland 740 Stellen verloren. (Frankfurter Rundschau, 18.12.96)

Erstes Weizen-Patent

Am 21. Januar erhielt das Unternehmen Novartis Seeds das US-Patent fuer ein Verfahren, um Weizen gentechnisch zu veraendern. Das US-Unternehmen existiert erst seit Anfang dieses Jahres und ist ein Zusammenschluss von Ciba Seeds und Northrup King. Das US-Patent mit der Nummer 5,596,131 ist das erste Patent fuer transgenen Weizen. Mit der nun auch fuer die Anwendung am Weizen patentierten Technologie werden bereits Mais, Sojabohnen, Tomaten und andere Nahrungspflanzen gentechnisch manipuliert. In Weizen koennen damit Krankheits- und Pflanzengift-Resistenzen eingebaut werden. Novartis Seeds ist eine Tochtergesellschaft der Novartis Seeds AG, die ihren Sitz in der Schweiz hat. (GID)

Chardonnay - jetzt neu!

- Ute Sprenger -

Das traditionelle Image von Wein, das an alte Faesser und romatische Weinberge denken laesst, wird nach und nach auch vom Biotech-Zeitalter eingeholt.

Im vergangenen Sommer startete auf einem Hektar Flaeche der erste franzoesische Freisetzungsversuch in Zusammenarbeit mit der Forschungsabteilung der Champagner-Kellerei Moet & Chandon. Genveraenderte Chardonnay-Weinreben sollen bald auch in Australien wachsen, geht es nach dortigen Wissenschaftlern und ihrem Minister Peter McGauran. Und ebenfalls in Suedafrika, der Nummer 8 in der weltweiten Weinerzeugung, wird seit vergangenem Jahr auf HighTech bei der Rebenpflanze gesetzt.

...Weiter in der GID-Printversion, Nr. 117

FORSCHUNGSPOLITIK

- Susanne Billig -

Die Fähnchen der SPD

Am 21./22. November letzten Jahres verabschiedeten die jeweiligen Vorsitzenden von der SPD-Fraktionen in Bundestag, Landtagen und Buergerschaften sowie der SPD-Abgeordneten im Europaparlament eine Entschliessung, die keine Wuensche der Gentech-Forschung und -Industrie mehr unbeantwortet laesst.

Das Papier traegt den Titel "Das Innovationspotential Bio- und Gentechnologie in Deutschland nutzen". Die folgenden Zitate sprechen fuer sich:

"Es (gilt) den hohen, international konkurrenzfaehigen Stand der Forschung an den Hochschulen und in den ausseruniversitaeren Forschungseinrichtungen zu sichern und auszubauen

...

Insbesondere muessen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ermutigen, auch an der Umsetzung ihrer Forschungsergebnisse in neue Verfahren und Produkte zu arbeiten, und selbst unternehmerisch taetig zu werden ... um Aus- und Neugruendungen zu foerdern, sollte die Auflegung von Risikokapital-Fonds unterstuetzt werden ... zumindest im Bereich der Laborforschung und industriellen Produktion (sind) Vereinfachungen der Genehmigungsanforderungen vertretbar. Wir sind bereit, in diesem Sinne an der Weiterentwicklung des deutschen und europaeischen Gentechnikrechts aktiv mitzuwirken ... Es gibt in juengster Zeit einige begruessenswerte Signale der pharmazeutischen Industrie, ihre gentechnischen Aktivitaeten in Deutschland zu verstaerken

... Grundsaetzlich gibt es keine auf Gefahren fuer Mensch und Umwelt beruhende Begruendung fuer ein Verbot des Einsatzes der Gentechnik in der Landwirtschaft

... Die gesetzwidrige Zerstoerung von Versuchsfeldern ist eine ernste Belastung fuer den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs

... In der Lebensmittelindustrie (koennte) die Bio- und Gentechnologie auch zur Qualitaetsverbesserung von Lebensmitteln eingesetzt werden. Über den Erfolg der neuen Produkte werden auf Dauer die Verbraucherinnen und Verbraucher entscheiden

... Patentschutz ... muss im Bereich der biotechnologischen Erfindungnen unter denselben Bedingungen gewaehrt werden, die fuer andere Bereiche der Wissenschaft und Technik gelten

... Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind aufgefordert, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Patentierung von Erfindungen wirksam zu unterstuetzen."

Mit keinem Wort geht das Papier auf negative Auswirkungen oder potentielle Gefahren der synthetischen Biologie ein. In dem, was die SPD an Restriktionen fordert, unterscheidet sie sich kaum von der CDU: Eine "umfassende Kennzeichnung" von Gentech-Lebensmitteln soll sein. Fuer eine Änderung des Verbots der Embryonenforschung und der Keimbahneingriffe sehen die Fraktionsvorsitzenden "keinen Grund". Ein fester Anteil der Genomforschungsgelder soll nach US-Vorbild in die ethische Begleitforschung gehen. Genomchecks durch Arbeitgeber oder Versicherungen sollen verboten werden.

Cui bono?

US-ForscherInnen muessen demnaechst moeglicherweise nachweisen, dass ihre Forschung nuetzlich ist. Ansonsten bleibt der staatliche Geldhahn zu. Der grosse Geldgeber der US-Forschung, die National Science Foundation (NSF), will ihre Richtlinien aendern. Man hat festgestellt, dass nur 30 Prozent der 30.000 jaehrlich gefoerderten Forschungsprojekte erfolgreich abschliessen. Richard Zare vom Vorstand der Foundation spricht sich dafuer aus, dass als wichtigstes Foerderungskriterium zukuenftig der zu erwartende gesamtgesellschaftliche Nutzen eines Forschungsvorhabens gelten soll. Laut New Scientist (30.11.96) streicht Zare heraus, dass damit nicht allein der oekonomische, sondern tatsaechlich auch der soziale Nutzen gemeint ist. Wer das wie definieren soll, ist noch unklar. Der genaue Wortlaut der neuen Richtlinien steht noch nicht fest.

AUCH DAS NOCH:

- Sabine Riewenherm -

DNA für Benetton

In Padua, Italien, wurde die Einrichtung eines neuen internationalen Biotechnologie-Labors beschlossen, das 1997 offiziell eroeffnet werden soll. Von der Regierung und von einigen lokalen Unternehmen - darunter auch der Bekleidungskonzern Benetton - wurden rund 6,5 Millionen Dollar fuer das neue Laboratoy for Advanced Biomedical Research zugesichert. Zum Direktor des neuen Instituts wurde Ernesto Carafoli ernannt, ein Biochemiker vom Federal Institute of Technology in Zuerich. Das Labor richtet sich nach dem Vorbild des US-amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT) und will wie dieses frei sein von lästigen "bürokratischen Beschränkungen öffentlicher Einrichtungen", erklaerte Carafoli (Science, 20.12.96). Bevor sich das Institut allerdings seiner eigentlichen Aufgabe - der Entwicklung neuer Gentherapien - widmen kann, wird es wohl zunaechst die Ansprueche des umstrittenen Benetton Fotografen Oliviero Toscani zufriedenstellen muessen. Der wuenscht sich eine Abbildung der DNA-Spirale, die er in seinen gigantischen "United Colors"-Postern unterbringen will. (Science, 20.12.96)

REZENSION

- Sabine Riewenherm -

Unternehmen Zweite Natur

Herausgegeben von Ute Sprenger, Juergen Knirsch, Kerstin Lanje

"Our efforts - your smile", das verspricht eine Werbung von Hoechst India in Bombay. Das Unternehmen untersucht in Indien Naturstoffe auf ihre bio- und gentechnologische Nutzbarkeit. Solche und andere Versprechungen nehmen die AutorInnen in dem Buch "Unternehmen Zweite Natur" kritisch unter die Lupe. Was dabei herauskommt, ist entlarvend. Es tut sich das Szenario einer neuen Welt der Biotechnologie auf, in der transnationale Konzerne der "Triade" Nordamerika, Westeuropa und Japan die Laender der Dritten Welt als Ressource, als Absatzmarkt und vor allem als Experimentierfeld funktionalisieren.

So zeigt Dan Leskien ein seinem Beitrag ueber das internationale "Biosafety-Projekt", dass zunehmend Freisetzungsversuche mit gentechnisch veraenderten Organismen, zumeist Pflanzen, in Laender der Dritten Welt ausgelagert werden.

Bevorzugte Laender sind Argentinien, Mexico, Puerto Rico, Chile und Suedafrika. Gruende fuer diesen "Nord-Sued-Freisetzungsexport" gibt es viele, so Leskien. "Einer aber trifft sicherlich nicht zu - dass die Laender der Dritten Welt ein eigenes forschungspolitisches Interesse daran haben. Die dokumentierten Freisetzungen spiegeln in keiner Weise die Forschungsanstrengungen der Laender wider."

Was, so fragt man sich, werden die Laender des Suedens ausser einem Freisetzungsboom noch von der Biotechnologie haben? Nicht viel, meint Michael Flitner in seinem Beitrag "Zweite Natur und Dritte Welt". Letztendlich, so glaubt Flitner, liege den Konzernen wohl nur wenig daran, die Grundbeduerfnisse der Armen zu befriedigen. Vielmehr soll wahrscheinlich nur ein globales Nahrungssystem etabliert werden, bei dem die Interessen westlicher Konzerne im Vordergrund stehen.

Experimentierfeld und Absatzmarkt, das sind die Funktionen, die den Laendern des Suedens zugewiesen werden. Jedenfalls werden sie keine Standorte sein fuer Forschung und Entwicklung oder fuer die Produktion, so lautet das Urteil des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers Ulrich Dolata in seinem Beitrag. Zwar haetten Schwellenlaender wie Indien, Thailand, Mexiko, Argentinien und Brasilien mittlerweile einige moderne biomedizinische Institute aufgebaut. Doch dort wuerde nur die Produktion von sogenannten "mee toos" stattfinden - billige Nachahmversionen erfolgreicher Pharmaprodukte, die in den Industrielaendern verkauft werden.

Wenn schon kein F&E- oder Produktionsstandort, dann koennten die Laender der Dritten Welt vielleicht wenigstens daran verdienen, dass sie reich sind - reich an genetischen Ressourcen. Diese wollen sie, das mussten die Konzerne der Industriestaaten in den letzten Jahren erst muehsam lernen, nicht mehr umsonst abgeben. Im Zusammenhang mit einem "ausgewogenen Interessensausgleich" kursieren inzwischen einige Ansaetze wie "Bioprospecting" oder "bilaterale Vertraege".

Als Musterbeispiel fuer einen bilaterale Vertrag gilt das Abkommen zwischen INBio (Institut fuer Biodiversitaet in Costa Rica) und dem groessten Pharmakonzern Merck.

Fuer die Nutzung der Artenvielfalt fuer kommerzielle Zwecke wurden bei Vertragsabschluss im Jahr 1991 zwischen Merck und Costa Rica rund 1 Millionen Dollar - zum Beispiel fuer das Honorar fuer Pflanzensammler, fuer die Einrichtung des Labors und zu einem geringen Teil fuer Naturschutzzwecke - sowie eine Gewinnbeteiligung ausgehandelt (die Hoehe wurde nie offiziell bekannt gegeben). Costa Rica, so schaetzt die kritische kanadische Organisation RAFI (Rural Advancement Foundation International), hat sich mit dem Vertrag wohl kraeftig uebers Ohr hauen lassen. RAFI legte bei einer Berechnung eine allgemein uebliche Gewinnbeteiligung von zwei bis drei Prozent zugrunde - und fand heraus, dass mit aehnlichen Vertraegen die gesamten genetischen Ressourcen des Suedens fuer 10 Millionen Dollar jaehrlich verhoekert werden koennten. Merck gab 1991 allein fuer die Forschung 100mal soviel aus. Eine Reportage von Markus Flatten zeigt, was Pflanzensammler, Kleinbauern und Naturschutzgruppen vor Ort von dem "Musterbeispiel INBio-Merck" halten.

Unter dem Stichwort "Bioprospecting" beschreibt Volker Heins die Erfahrungen, die in Indien mit der Ansiedlung von Hoechst gemacht wurden. Seiner Meinung nach gibt es trotz eines effektiven Technologietransfers Defizite. So wuerde ein fairer Nutzenausgleich und die moralische Anerkennung der verschiedenen Gruppen und Institutionen nicht stattfinden: "Benefit sharing wird schlicht mit dem Nutzen der indischen Aktionaere gleichgesetzt".

Doch ein indischer Aktionaer ist noch lange kein indischer Kleinbauer. Die Einzelbeitraege des Buches, die sich auf konkrete Produktbeispiele - Kakao, Cassava, Bananen, Reis, Milch und Fische - beziehen, zeigen deutlich: Die Interessen der Kleinbaeuerinnen und -bauern sind ganz andere als die der Forschungsinstitute und Konzerne. So arbeiten GentechnologInnen zum Beispiel daran, bei dem "Brot der Armen", der Cassava, den Blausaeure-Gehalt zu senken (wofuer es schon laengst Methoden in der konventionellen Verarbeitung gibt). Kleinbauern wuenschen sich, wie Helen Zweifel in ihrem Beitrag beschreibt, von der Forschung aber eher neue Verarbeitungsmethoden oder Pflanzen, die schneller wachsen oder Duerre besser aushalten. Doch Eigenschaften wie die Widerstandskraft gegen Duerre oder auch Kaelte und Salztoleranz sind fuer die Gentechnik viel zu komplex und bleiben der klassischen Zuechtung vorbehalten.

Das Buch "Unternehmen Zweite Natur" ist fuer diejenigen, die den Werbeslogans der Industrie ueber die segensreichen Auswirkungen der Gentechnologie fuer die Laender der Dritten Welt misstrauen, eine wichtige Argumentationshilfe und umfassende Informationsquelle. Man merkt dem Buch an, dass die HerausgeberInnen - Ute Sprenger, Soziologin, Publizistin und langjaehrige ehemalige Redeukterin des GID, Juergen Knirsch vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) und Kerstin Lanje von der BUKO Agrar Koordination - "alte Hasen" auf dem Gebiet der Entwicklungspolitik und der Gentechnologie sind.

Das Buch ist informativ, sehr gut recherchiert und gibt den aktuellsten Stand der biotechnologischen Entwicklungen wieder. Fehlt den LeserInnen zu bestimmten Begriffen das noetige Hintergrundwissen, so bieten die HerausgeberInnen hilfreiche Einfuehrungskaesten wie zum Beispiel ueber Nachhaltigkeit, Malthus "Bevoelkerungsgesetz" oder die Internationalen Agrarforschungszentren an.

Portraits und Adressen von kritischen Organisationen bieten motivierten LeserInnen an, sich in die Politik einzumischen, wenn die "zweite, synthetische Natur der Biotechnologie auf die Dritte Welt" trifft.

Unternehmen Zweite Natur. - Multis, Macht und moderne Biotechnologien.
Herausgegeben von Ute Sprenger, Juergen Knirsch, Kerstin Lanje. focus:
oekozid 12.

Focus-Verlag Giessen, ISBN 3-88349-438-0.

GID Internet-Pressedienst 1997.

Nachdruck gestattet bei Erwähnung der Quelle.


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